Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga, Mandala mit Vogel und Sushumna Achse, Zeichnung Matsya Yoga Wien

Hinweis: Alle Übungen wurden von Hand mit Papier und Bleistift illustriert und beschrieben von Clemens Biedrawa.

Das Sādhana der Göttlichen Mutter – eine Kundalini-Yoga-Klasse zur Transformation

Es gibt Klassen, die den Körper öffnen. Es gibt Klassen, die den Atem schulen. Und es gibt Klassen, die etwas anderes tun: Sie legen eine warme Hand auf das Herz und lassen es weit werden.

Das Sādhana der Göttlichen Mutter ist eine solche Klasse. Es ist eine kriyā – eine Praxis, welche die universelle Kraft des Handelns entfesselt, das Herz öffnet und den Geist heilt. Zwölf klassische Haltungen, vier Formen des Atems in jeder einzelnen, und am Ende das bīja nyāsa: das Setzen der Samenklänge in den Körper.

Diese sādhana wurde unserem Lehrer von seinem ersten Lehrer, Svāmī Vidjanand, einem Schüler von Svāmī Satyānanda, übergeben – um die Energie der göttlichen Mutter zu erwecken. Sie ist sanft und liebevoll, und sie soll dich mit der warmen Hand des Lebens umhüllen.

In diesem Beitrag findest du die vollständige Klasse mit allen Illustrationen, die Hintergründe zu nāḍiśodhana, kapālabhāti und bhrāmarī – und am Ende eine ausführliche Anleitung zum bīja nyāsa, dem Herzstück unserer Kundalini-Yoga-Praxis.

Was ist das Sādhana der Göttlichen Mutter?

Sādhana bedeutet Praxis – das beständige Mittel, mit dem etwas verwirklicht wird. Kriyā bedeutet Handlung. Eine kriyā im Kundalini Yoga ist eine in sich geschlossene Abfolge, die eine bestimmte Kraft weckt, sie durch den Körper führt und am Ende in der Mitte zur Ruhe bringt. Mehr dazu findest du in unserer Übersicht zu den Kriyās im Kundalini Yoga.

Die Kraft, die hier geweckt wird, trägt einen Namen: die göttliche Mutter. In der tantrischen Sprache ist sie śakti – die Kraft, die alles hervorbringt, alles trägt und alles wieder in sich aufnimmt. Sie ist nicht fern. Sie ist der Pulsschlag im eigenen Bauch, die Wärme in den Händen, der Klang, der bleibt, wenn alle Gedanken verstummt sind.

Diese Klasse ist deshalb keine Übung über die Mutter, sondern ein Weg, sie im eigenen Körper zu spüren. Sie ist eine Reinigungs-Sādhana: Sie löst, was den freien Fluss des Handelns blockiert.

Der Aufbau in einem Satz

Zwei Atemtechniken zur Vorbereitung, ein Sonnengruß zum Erwärmen, zehn Haltungen im Sitzen und Knien – jede mit tiefer Atmung, kapālabhāti und bhrāmarī – dann bīja nyāsa und śavāsana.

Dauer: etwa 60 bis 90 Minuten. Niveau: für Anfänger:innen geeignet, für Fortgeschrittene beliebig vertiefbar.

Das Geheimnis: vier Formen in jeder Haltung

Es gibt einen Hinweis in dieser Klasse, der leicht zu überlesen ist und doch alles verändert. Unser Lehrer gibt ihn so weiter, wie er ihn selbst empfangen hat:

Ich habe hier die Mindestzeiten von 30 Sekunden kapālabhāti und 3 Mal bhrāmarī in jeder Haltung angegeben. Denke daran, dass du alle Zeiten so lange ausdehnen kannst, wie du willst. Mein Lehrer hat mir gesagt, dass diese kriyā zu einem kraftvollen Mittel der Erweckung der Kundalini wird, wenn man jede der vier Formen in jeder Position – also tiefe Atmung, kapālabhāti, bhrāmarī und das Mantra Oṃ Mā – mindestens jeweils eine Minute ausführt.

Vier Formen. Vier Minuten pro Haltung. Zehn Haltungen. Das ist die lange Fassung, und sie ist es wert.

  1. Tiefe Atmung – die Haltung wird bewohnt, der Körper öffnet sich.
  2. Kapālabhāti – das Feuer am Nabel wird entzündet, prāṇa beginnt zu strömen.
  3. Bhrāmarī – der Klangkörper dehnt sich aus, der Verstand wird still.
  4. Oṃ Mā – das Mantra der Mutter, still im Inneren gesungen, sammelt alles im Herzen.

Wer wenig Zeit hat, nimmt die Mindestzeiten: dreimal tiefe Atmung, 30 Sekunden kapālabhāti, dreimal bhrāmarī. Auch das ist eine vollständige Klasse.

Warum das eine Klasse für Transformational Yoga und Kundalini Yoga ist

Transformational Yoga meint nicht, dass man nach der Stunde ein anderer Mensch ist. Es meint, dass die Praxis eine Energie, die in einer niederen, engen Form gebunden ist, in eine weitere, freiere Form überführt. Das ist die eigentliche Bewegung des Kundalini Yoga: nicht etwas hinzufügen, sondern das, was schon da ist, in seine höhere Gestalt heben.

Die tantrische Tradition beschreibt diese Umwandlung sehr konkret. Jedes Element hat eine gebundene und eine gelöste Form, jedem Chakra ist eine dhāraṇā zugeordnet – eine Sammlung des Bewusstseins, die den Übergang trägt:

Chakra Transformation Tabelle, niedere und transformierte Form der Elemente mit Dharana, Transformational Yoga Matsya Wien

Das Sādhana der Göttlichen Mutter arbeitet genau auf dieser Achse. Kapālabhāti weckt das Feuer, bhrāmarī löst es in Klang auf, das Mantra trägt es nach oben, und das bīja nyāsa setzt am Ende jedes Element an seinen Ort. Wer die Chakren nicht nur als Bild, sondern als Erfahrung kennenlernen will, findet hier einen sehr direkten Weg.

Vertiefen kannst du das in unserem YACEP Chakra Workshop und im YACEP Meditation Workshop. Wie sich Hatha und Kundalini Yoga in unserer Schule zueinander verhalten, haben wir gesondert beschrieben.

Die Praxis – Schritt für Schritt

Setze dich hin, bevor du beginnst. Falte die Hände vor dem Herzen, nimm ein paar Atemzüge und erinnere dich an den Lehrer – den inneren wie den äußeren. Dann beginne.

1. Nāḍiśodhana – Reinigung des psychischen Netzwerks

Nadishodhana Wechselatmung, Hand am Nasenflügel, Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga Zeichnung

Nāḍiśodhana erfordert volle Achtsamkeit. Wenn diese nicht gegeben ist, ist die Praxis nicht wirksam. Es existieren unzählige Wege, Atemmuster zu formen, doch in diesem Kontext nutzen wir das einfachste Muster, um den Atem zu vertiefen: Halte die Dauer des Einatmens und des Ausatmens identisch.

Ein Mantra wie Oṃ kann dir helfen, die Zeit zu messen. Dein Atem sollte tief und kräftig sein. Aktiviere mūlabandha bei der Atemumkehr und erlaube dir eine kurze Atempause (kumbhaka, nicht länger als zwei Sekunden). Dies stimuliert die nāḍis und unterstützt die Reinigung.

Wenn du dich für deine sādhana niederlässt, ist das deine einzige Aufgabe – erlaube dir vollkommen präsent zu sein und nichts anderes zu tun.

Praktiziere 10–20 Runden.

2. Kapālabhāti – der Atem des Feuers

Kapalabhati Sonne, Lotus Mandala als Bild des goldenen Eies am Nabel, Kundalini Yoga Illustration Matsya Wien

Pulsiere sanft deinen Nabel in der Ausatmung und halte einen gleichmäßigen Rhythmus. Wenn du kapālabhāti praktizierst, stell dir ein goldenes Ei vor, das von subtilen elektrischen Fasern umgeben ist. Stelle dir vor, wie es sich leicht nach oben bewegt, wenn du die Luft ausstößt, und wie es sich leicht nach unten bewegt, wenn du einatmest.

Wenn du die Stimulation des Nabelpunktes spürst, beobachte einen feinen Strom von Energie, der im Becken erzeugt wird und sich über die Stirn hinaus nach oben bewegt. Am Ende ziehe mūlabandha und halte den Atem in der Mitte.

Praktiziere mindestens eine Minute.

3. Sūryanamaskāra – der Gruß an die Sonne

Sūryanamaskāra kann mit tiefer Atmung durchgeführt werden, entweder mit einem Atemzug in jeder Position oder so vielen, wie man braucht, um das richtige Tempo zu finden.

Reinigende Variation. Wenn du fortgeschritten bist und in den Strahlen der Sonne duschen möchtest, mache diesen Sonnengruß mit einem sanften kapālabhāti-Puls im Nabel in jeder Position. Jede Position sollte nur leicht von der Hand der Sonne berührt werden, niemals gewaltsam. Es ist ein sanfter dynamischer Tanz. Bleib offen.

Subtile Variation. Jede der 12 Positionen ist mit einem grundlegenden Aspekt der Sonne verbunden. Diese Aspekte werden in ihrer klanglichen Form von 12 bījas widergespiegelt.

Suryanamaskara Sonnengruss 12 Positionen im Kreis mit Bija Samenklaengen, Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga
Hrāṁ Praṇāmāsana Gebetsstellung
Hrīṃ Hastottānāsana Haltung der erhobenen Arme
Hrūṁ Pādahastāsana Hände-zu-Füßen-Haltung
Hraiṁ Aśva Sañcalanāsana Haltung des Reiters
Hrauṃ Parvatāsana Bergstellung
Hraḥ Aṣṭāṅga Namaskāra Acht-Punkte-Grußhaltung
Hrāṁ Bhujaṅgāsana Kobrahaltung
Hrīṃ Parvatāsana Bergstellung
Hrūṁ Aśva Sañcalanāsana Haltung des Reiters
Hraiṁ Pādahastāsana Hände-zu-Füßen-Haltung
Hrauṃ Hastottānāsana Haltung der erhobenen Arme
Hraḥ Praṇāmāsana Gebetsstellung

Praktiziere 12–36 Runden. Wenn du den Gegenpol suchst, findest du ihn im Mondgruß im Kundalini Yoga – die kühlende Schwester dieser Sequenz.

4. Jānuśirāsana – Stirn zur Knie-Haltung

Janushirasana Stirn zur Knie Haltung, Vorbeuge ueber ein gestrecktes Bein, Divine Mothers Sadhana Zeichnung

Übe dreimal mit tiefer Atmung. Dehne dich. Dann mindestens 30 Sekunden kapālabhāti und dreimal bhrāmarī. Auf jeder Seite.

Denke daran: bhrāmarī ist die Ausdehnung deines inneren Klangkörpers. Es klingt wie ein Schwarm liebestoller Bienen. Es ist der Klang der Freude – er bringt den Verstand zum Schweigen, weitet dich, entspannt dich und führt dich nach Hause. Gib dich ihm vollständig hin.

5. Titali Āsana – die Schmetterlingshaltung

Titali Asana Schmetterlingshaltung im Sitzen, Fusssohlen zusammen, Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga

Übe dreimal mit tiefer Atmung. Dehne dich. Mindestens 30 Sekunden kapālabhāti und dreimal bhrāmarī.

Die Schmetterlingshaltung öffnet die Hüften und den Beckenboden – den Sitz von mūlādhāra. Wenn du ihr Zeit gibst, verändert sich der Atem von selbst. Mehr zu diesem Zentrum findest du im Beitrag Mūlādhāra Chakra.

6. Paścimottānāsana – die Rückwärtsstreckhaltung

Pascimottanasana Rueckwaertsstreckhaltung, Vorbeuge im Langsitz, Divine Mothers Sadhana Zeichnung

Übe dreimal mit tiefer Atmung. Dehne dich. Mindestens 30 Sekunden kapālabhāti und dreimal bhrāmarī.

7. Pāda Prasara Paścimottānāsana – Rückwärtsstreckung mit geöffneten Beinen

Pada Prasara Pascimottanasana Vorbeuge mit geoeffneten Beinen, Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga Zeichnung

Übe dreimal mit tiefer Atmung. Dehne dich. Mindestens 30 Sekunden kapālabhāti und dreimal bhrāmarī. Auf jeder Seite.

Hier arbeitet dieselbe Kraft, die auch die dritte Pavanmuktāsana-Serie trägt – apāna, die absteigende, lösende Bewegung. Wer sie kennenlernen will, findet sie in Pavanmuktāsana 3 – die Śakti-Bandha-Serie.

8. Mārjārīāsana – die Katzenhaltung

Marjariasana Katze und Kuh Haltung im Vierfuesslerstand, Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga Zeichnung

Bewege dich zunächst etwa eine Minute lang in einer dynamischen Katze-Kuh-Haltung. Einatmen – nach oben, ausatmen – nach unten.

Dann schaue in der Katze nach oben und beginne mit 30 Sekunden kapālabhāti. Danach gehe in die Kuh und übe dreimal bhrāmarī.

9. Parvatāsana – die Berghaltung

Parvatasana Berghaltung, herabschauender Hund mit gestreckten Beinen, Divine Mothers Sadhana Zeichnung

Bewege dich sanft in parvatāsana und übe dreimal mit tiefer Atmung. Mindestens 30 Sekunden kapālabhāti und dreimal bhrāmarī.

10. Vajrāsana – die Donnerkeil-Haltung

Vajrasana Donnerkeilhaltung Fersensitz mit geoeffneter Brust, Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga Zeichnung

Sitze und entspanne dich in vajrāsana. Öffne deine Brust. Strecke deine Arme. Übe dreimal mit tiefer Atmung. Ziehe mūlabandha. Mindestens 30 Sekunden kapālabhāti und dreimal bhrāmarī.

11. Uṣṭrāsana – die Kamelhaltung

Ushtrasana Kamelhaltung in drei Stufen, Rueckbeuge aus dem Fersensitz, Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga

Gehe in uṣṭrāsana oder ardha uṣṭrāsana. Übe dreimal mit tiefer Atmung und etwa 30 Sekunden kapālabhāti.

Die Rückbeuge öffnet anāhata, das Herzzentrum. Genau dort wohnt der Klang, den wir im bhrāmarī suchen – siehe dazu Anāhata Chakra.

12. Śaśankāsana – die Hasenhaltung

Shashankasana Hasenhaltung, Stirn am Boden mit ausgestreckten Armen, Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga

Aus vajrāsana öffne deine Knie, strecke dich nach oben und komm nach unten in śaśankāsana. Gib dich hin. Strecke deine Arme aus. Mache drei tiefe Atemzüge, mindestens 30 Sekunden kapālabhāti und dreimal bhrāmarī.

Und dann, in der Hingabe, chante das Mantra der göttlichen Mutter still in dir:

Oṃ Mā

Zwei Silben. Mehr braucht es nicht. Oṃ ist das Ganze, ist die Mutter, die es trägt. Bleib hier, solange es gut ist.

13. Bīja Nyāsa – das Setzen der Samenklänge

Bija Nyasa Meditationshaltung mit ausgestreckten Haenden auf den Knien, Kundalini Yoga Zeichnung Matsya Wien

Setze dich in Meditationshaltung mit ausgestreckten und festen Händen. Führe mūlabandha zu Beginn jedes Klanges aus. Abschließend führe namaskāra mudrā aus und atme tief.

Die vollständige Anleitung zum bīja nyāsa findest du weiter unten – es ist die Praxis, mit der jede unserer Klassen schließt.

14. Śavāsana

Shavasana Endentspannung auf dem Ruecken mit geoeffneten Handflaechen, Divine Mothers Sadhana Kundalini Yoga

Lege dich auf den Rücken, die Handflächen nach oben. Betrachte folgendes:

Ich bin du. Du bist ich. Wir sind eins.

Die Klasse auf einen Blick

Nāḍiśodhana Reinigung des psychischen Netzwerks
Kapālabhāti Leuchtendes Gesicht, Atem des Feuers
Sūryanamaskāra Gruß an die Sonne
Jānuśirāsana Stirn-zu-Knie-Haltung
Titali Āsana Schmetterlingshaltung
Paścimottānāsana Rückenstrecker
Pāda Prasara Paścimottānāsana Rückenstrecker mit geöffneten Beinen
Mārjārīāsana Katzenhaltung
Parvatāsana Bergstellung
Vajrāsana Donnerkeilhaltung
Uṣṭrāsana Kamelhaltung
Śaśankāsana Hasenhaltung
Bīja Nyāsa Platzierung der Samenlaute
Śavāsana Endentspannung

Das vollständige Skript dieser Klasse gibt es als PDF: The Mother’s Sādhana herunterladen. Es liegt in unserem Downloads-Bereich, gemeinsam mit den Klangbeispielen zum bīja nyāsa und weiteren Materialien aus dem Ausbildungshandbuch.

Die Atemtechniken im Detail

Bhrāmarī Prāṇāyāma – die Atmung der summenden Biene

Bhrāmarī ist eine Atemtechnik, die tiefe Freude in unser Herz einlädt. Sie ist das Suchen nach dem Klang der inneren Vereinigung mit unserem wahren Selbst. Unser inneres Selbst resoniert mit diesem süßen, honigfeuchten Klang. Manche vergleichen ihn mit dem ununterbrochenen Rauschen eines ewigen Flusses, ohne Anfang und ohne Ende.

Wenn wir bhrāmarī praktizieren, stellen wir uns vor, dass unser Körper vollständig aus diesem ewigen Klang besteht. Der Klang, den wir hier suchen, kann jedoch nicht mit den äußeren Ohren gehört werden. Es handelt sich um einen inneren, subtilen Klang, der in den Dimensionen deines inneren Seins zu finden ist – in den Landschaften deiner Empfindungen. Wenn du also summst, höre nach innen und suche dort den Klang, der wie ein Meer aus Freude aus deiner Mitte strahlt.

Der Klang nāda, aus dem das Universum hervorgegangen ist, vibriert im zentralen Energiekanal suṣumnā, auch sarasvatī nāḍī genannt. Diese innere Kraft erstreckt sich vom Perineum bis zum Scheitelpunkt des Kopfes. Unser Herz liegt im Zentrum des suṣumnā-Kanals, und hier residiert nāda als Śabda-Brahman. Hier schläft das ewig Göttliche in Form von Klang.

Wer auf den einen, ungebrochenen Klang im Herzen (anāhata) hört, der ununterbrochen ist wie ein rauschender Fluss ohne Anfang und ohne Ende, wird eins mit diesem Klang und Gott in sonischer Form.

Vijñāna-bhairava-tantra 38

Gemäß dem Kubjikāmata-Tantra ist Śabda-Brahman die Quelle der individuellen Seele. Meditation über ihn ist daher ein Verschmelzen mit dem Kern der Seele. Auf diese Weise ist bhrāmarī ein Gebet für die Seele.

Atme ein und erzeuge dabei das Geräusch einer männlichen Biene. Dann atme mit dem Geräusch einer weiblichen Biene aus. Danach folgt kumbhaka. Die großen Yogis, die dies ständig praktizieren, erleben unbeschreibliche Glückseligkeit in ihren Herzen. Das ist Bhrāmarī.

Haṭha-Yoga-Pradīpikā 2.67

Kapālabhāti – der leuchtende Schädel

Kapālabhāti ist sowohl ein ṣaṭkarma – eine der sechs Reinigungsübungen – als auch ein prāṇāyāma. Es bewegt und reinigt die prāṇas, wenn sie sich mit dem Feuer am Nabel vermischen.

Kapālabhāti wird vom kanda ausgeführt, dem Nabelpunkt. Kanda wird oft irrtümlicherweise mit dem Maṇipūra Chakra gleichgesetzt. In einigen Yogaschulen wird angenommen, dass alle nāḍis dort ihren Ursprung haben. Kanda hat die Form eines goldenen Eies und liegt unterhalb des Nabels. Es ist das Zentrum der körperlichen prāṇa-Kraft; von dort breiten sich die prāṇas nach oben aus, getragen von der großen Sonne.

Um kapālabhāti zu praktizieren, setze dich gerade hin, öffne dein Gesicht und stelle dir vor, wie die helle Morgensonne auf deine Stirn fällt. Ziehe mūlabandha an und beginne sanft und bewusst, den Atem mit einem Puls am Nabel auszustoßen. Lass die Lungen sich am Ende der Ausatmung ganz natürlich wieder füllen. Betont wird die Ausatmung, nicht die Einatmung; der Rest des Körpers bleibt völlig offen und entspannt.

Erhöhe dein Tempo allmählich, bis du einen angenehmen Rhythmus erreicht hast. Visualisiere einen Strom goldenen Lichts, der von deinem Nabel aus in den Himmel aufsteigt. Praktiziere sanft, aber schnell – und ohne jeden Aufwand.

Atme ein und aus wie die Blasebälge eines Schmiedes. Das ist Kapālabhāti, und es beseitigt alle durch Kapha verursachten Leiden.

Haṭha-Yoga-Pradīpikā 2.35

Warum diese beiden Techniken zusammengehören

Kapālabhāti weckt und bewegt prāṇa. Bhrāmarī sammelt es und löst es in Klang auf. Ohne das erste bleibt die Klasse kühl, ohne das zweite bleibt die Energie zerstreut. Die fünf vāyus – die Winde, in die sich prāṇa im Körper aufteilt – zeigen, worum es dabei geht:

Die fuenf Vayus Tabelle, Prana Apana Samana Udana Vyana mit Bewegung und Bewusstsein, Kundalini Yoga Matsya Wien

Die Klasse bewegt sich durch diese Reihe hindurch: kapālabhāti weckt prāṇa und apāna, die Haltungen führen sie zusammen, bhrāmarī stellt samāna her – die zentrale, einspitzige Stille – und das bīja nyāsa öffnet udāna und vyāna, die aufsteigende und die alldurchdringende Kraft.

Bīja Nyāsa – die Platzierung der Samenklänge

Du bist eingeladen, am Ende jeder Klasse bīja nyāsa zu praktizieren. Bīja nyāsa ist eine Praxis des alten Tantra, bei der ein Samenklang (bīja) im Körper platziert wird. Bīja nyāsa reinigt das Bewusstsein, dehnt es aus und erweckt Kuṇḍalinī.

Nyāsa heißt wörtlich Setzen, Niederlegen, Anvertrauen. In der tantrischen Ritualpraxis ist es die Handlung, mit der eine Gottheit, ein Mantra oder ein Element an einen bestimmten Ort im Körper gesetzt wird. Der Körper wird dabei nicht dekoriert – er wird gebaut. Was du setzt, das wirst du.

Eines der Geheimnisse des Kundalini Yoga ist, dass Kuṇḍalinī ihrem Wesen nach Klang ist. Sie ist das Wort, das am Anfang der Schöpfung steht, und dieses Wort ist Klang, und dieser Klang ist ihr Körper – dein innerer Körper. Bīja nyāsa ist die Erweckung des Klangkörpers der Kuṇḍalinī.

Die Tabelle der Samenklänge

Bija Nyasa Tabelle mit Chakren, Svara, Bija und Invocation, Samenklaenge im Kundalini Yoga Matsya Wien
Zentrum Svara Bīja Anrufung
Mūlādhāra Sa Laṃ Oṃ Laṃ Ma
Svādhiṣṭhāna Re Vaṃ Oṃ Vaṃ Ma
Maṇipūra Ga Raṃ Oṃ Raṃ Ma
Anāhata Ma Yaṃ Oṃ Yaṃ Ma
Viśuddha Pa Haṃ Oṃ Haṃ Ma
Ājñā Dha Kṣaṃ Oṃ Kṣaṃ Ma
Sahasrāra Ni Śrī Oṃ Śrī Ma

Drei Spalten, drei Ebenen. Svara sind die sieben Töne der indischen Tonleiter – der musikalische Körper. Bīja sind die Samenklänge der Elemente – der elementare Körper. Die Anrufung setzt beides in Beziehung zur Mutter: Oṃ … Ma.

Die Praxis in drei Schritten

Es gibt verschiedene Variationen des bīja nyāsa, von denen jede einen besonderen Aspekt der inneren Energie aller Dinge zeichnet. In diesem bīja nyāsa platzieren wir die Samenklänge der fünf Elemente im großen suṣumnā, der mittleren Achse des Körpers.

Setz dich in Meditationshaltung mit ausgestreckten Armen und ruhe in deiner Mitte. Falte zuerst die Hände vor dem Herzen, fühle dein Zentrum und singe leise Oṃ – lass dieses Oṃ von der Basis durch deinen Körper bis in den Kosmos wandern. Dieses Oṃ ist Lehrer, Führer, Mutter, Vater und Seele zugleich.

Ziehe am Anfang jedes Klanges mūlabandha, und lass ihn auf diese Weise aus der Basis aufsteigen.

  1. Die sieben Noten. Platziere zuerst die Klänge der sieben Töne von der Basis nach oben in jedem Chakra – Sa, Re, Ga, Ma, Pa, Dha, Ni. Lass die Klänge in dir vibrieren und blicke nach innen. Mach dich einfach zum Schwingen.
  2. Die Bījas der Elemente. Platziere dann nacheinander die bījas der fünf Elemente in den Chakren, von unten nach oben – Laṃ, Vaṃ, Raṃ, Yaṃ, Haṃ. Gib dem Klang Raum.
  3. Die Anrufung. Im letzten Schritt erwecken wir die Kraft eines jeden Elements in den Chakren und ziehen die Energie aus dem unteren Bereich nach oben. Singe dazu Oṃ in mūlādhāra und ziehe das Perineum an, lass das bīja durch den Körper nach oben gleiten und den Klang mit Ma – der höchsten Mutter – sich langsam im Raum ausdehnen.

Zum Abschluss namaskāra mudrā und ein paar tiefe Atemzüge.

Wie du den richtigen Klang findest

Um den richtigen Klang zu bilden, ist es ratsam, nach einem qualifizierten Lehrer zu suchen oder uns um Hilfe zu bitten. Auf unserer Webseite gibt es im Downloads-Bereich einen Abschnitt, in dem wir die Klänge formen – zum Anhören und Mitsingen.

Ein Hinweis aus der Praxis: Der Klang muss nicht schön sein. Er muss getragen sein. Ein leiser Ton, der wirklich aus dem Becken kommt, wirkt mehr als ein lauter, der im Hals bleibt.

Wer tiefer in die Klangdimension des Tantra einsteigen möchte, findet bei uns das Wochenende des Klang-Yoga und Tantra sowie die Einführung in die Trika-Tradition mit Mark Dyczkowski.

Der Lehrer

Alle kriyās müssen mit dem Lehrer geübt werden. Nichts kann in Abwesenheit des Lehrers erreicht werden. Der Lehrer ist Licht, Modus, Mittel und Ziel zugleich. Jede Handlung beginnt mit dem Lehrer, wird von ihm durchdrungen und ruht schließlich in ihm, wenn die Handlung vollendet ist.

Dieser Lehrer ist dein Herz. Der eine Lehrer, manonmanī, der Ort jenseits des Verstandes.

Bevor wir das Mantra singen, nehmen wir ein paar Atemzüge, die Hände vor dem Herzen gefaltet. Versinke in der Tiefe deines Wesens und erinnere dich an den Lehrer, der der Anfang und das Ende aller Dinge ist. Ein Licht im Dunkeln. Das Sein und der Weg zum Sein.

Das Erweckungsmantra der göttlichen Mutter

Oṃ Ānandamayī – Oṃ, Sie, die Ekstase
Chaitanyamayī – Sie, das Bewusstsein
Satyāmayī – Sie, die Wahrheit
Pāramī – Sie, die Höchste

Alle Dinge wenden sich flehend an Sie. Damit Ihre Füße das schmerzende Pochen des Lebens heilen und das Siegel auf der Brust der menschlichen Seele zerbrechen, möge Sie das Feuer im verschlossenen Herzen aller Dinge entfachen!

Śrī Aurobindo, Savitri

Man muss die Liebe zu Gott entwickeln. Denn wenn es keine Liebe zu Gott gibt, wird Yoga nicht wirksam sein.

Swami Lakshman Joo

Häufige Fragen zum Sādhana der Göttlichen Mutter

Wer war Svāmī Vidjanand?

Svāmī Vidjanand war ein Schüler von Svāmī Satyānanda Sarasvatī, dem Gründer der Bihar School of Yoga. Von ihm hat unser Lehrer das sanfte und liebevolle Kundalini Yoga gelernt, das bis heute die Grundlage unserer Klassen bildet – und von ihm stammt dieses sādhana. Es ist damit eine direkt weitergegebene Praxis aus der Satyānanda-Linie, nicht eine aus Büchern zusammengesetzte Sequenz. Wen wir sonst noch als Lehrer betrachten, steht auf der Seite Unsere großartigen Yogis.

Ist das Kundalini Yoga oder Hatha Yoga?

Beides – und das ist kein Ausweichen. Die Haltungen sind klassische āsanas des Haṭha Yoga. Was sie zu Kundalini Yoga macht, ist die Absicht und die Schichtung: Atem, Klang, Mantra und Bandha wirken in derselben Haltung zusammen, um eine Kraft zu wecken und zu lenken. Wir haben das Verhältnis der beiden Wege ausführlich in Hatha und Kundalini Yoga beschrieben.

Wer ist die „göttliche Mutter“ im Yoga?

Sie ist śakti – die schöpferische Kraft selbst, nicht eine Person und nicht ein Glaubenssatz. In der tantrischen Sicht ist alles, was sich bewegt, atmet und wahrnimmt, ihre Bewegung. Das Mantra Oṃ Mā ist keine Bitte an eine Gestalt außerhalb von dir, sondern die Anerkennung dessen, was dich gerade trägt. Man muss nichts glauben, um es zu praktizieren; man muss nur zuhören.

Was bedeutet bīja nyāsa genau?

Bīja heißt Same, nyāsa heißt Setzen. Zusammen: das Setzen eines Samenklangs in den Körper. Es ist eine der ältesten tantrischen Techniken überhaupt und findet sich in nahezu allen Schulen des Śaivismus und Śāktismus. Im Kundalini Yoga hat sie eine besondere Rolle, weil Kuṇḍalinī selbst als Klang verstanden wird: Wer den Klang setzt, weckt ihren Körper.

Brauche ich Vorkenntnisse für diese Klasse?

Nein. Die Haltungen sind einfach und können in jeder Variante geübt werden. Was Übung braucht, ist kapālabhāti – und dafür genügt es, langsam zu beginnen. Wenn du unsicher bist, komm in eine unserer Yogaklassen in Wien; dort zeigen wir dir die Technik in Ruhe.

Wie oft sollte ich das Sādhana üben?

Ein sādhana lebt von der Wiederholung, nicht von der Intensität. Einmal pro Woche in voller Länge, oder jeden Morgen in der kurzen Fassung – beides trägt. Wichtiger als die Dauer ist, dass du zur selben Zeit beginnst.

Gibt es Kontraindikationen?

Kapālabhāti ist bei Schwangerschaft, unbehandeltem Bluthochdruck, akuten Herz-Kreislauf-Beschwerden, Epilepsie sowie kurz nach Bauch- oder Augenoperationen nicht angezeigt. In diesen Fällen übst du die Haltungen mit tiefer Atmung und bhrāmarī – das ist eine vollwertige Praxis. Im Zweifel frag deine Ärztin oder deinen Arzt und sprich mit uns.

Kann ich diese Klasse als Lehrerin oder Lehrer unterrichten?

Ja, und wir freuen uns darüber. Das Skript liegt frei im Downloads-Bereich. Wenn du die Klasse mit ihren Hintergründen unterrichten möchtest, ist unsere RYT 200h Ausbildung der richtige Ort – dort ist dieses sādhana Teil des Handbuchs. Für bereits zertifizierte Lehrende gibt es die RYT 300h Ausbildung und die YACEP Kundalini-Fortbildung.

Zum Schluss

Diese kriyā ist sanft. Sie verlangt nichts, was du nicht schon kannst. Und trotzdem hat sie die Kraft, etwas zu öffnen, das sich lange geschlossen angefühlt hat – weil sie an einer Stelle ansetzt, die man nicht mit Anstrengung erreicht: dem Klang.

Wenn du sie mit uns üben möchtest, findest du die Termine unter Yogaklassen in Wien. Wer länger bleiben will, kommt in die Retreats in der Wachau oder in eine unserer Yogalehrer-Ausbildungen, die auch als Online- und Hybrid-Format möglich sind. Bei Fragen schreib uns einfach über die Kontaktseite.

Und die anderen Grundserien unserer Klassen findest du hier:

Oṃ Mā.