ANĀHATA Chakra
Der Yogi, der dem Klang im Herzen lauscht, der wie ein rauschender Fluss ohne Anfang und Ende ist, wird in diesem Klang baden, der eins mit Gott (śabda-brahmaṇi) ist und den höchsten Zustand erreichen.
Vijñāna-Bhairava-Tantra (38)
DER Sitz Der Seele
Aus dem Zentrum des Seins erhebt sich ein Klang – der Klang deiner Existenz, der Klang aller Dinge. Es ist die Symphonie des Lebens, in der jeder Ton dein Leid, aber auch deine Freude widerspiegelt.
Diese Musik ist das Gefühl dessen, was ist, sie umspannt alles zwischen Leben und Tod, und vom Tod zum ewigen Sein.
Anāhata, was „ungeschlagen“ oder „unbesiegt“ bedeutet, bezieht sich auf das, was ohne Ursache existiert – wie der Klang einer einzigen klatschenden Hand oder die Saite eines Musikinstruments, die erklingt, ohne angeschlagen worden zu sein. Es ist das Sein, das aus sich selbst heraus existiert, ohne dass es eines Zutuns bedarf. Anāhata lebt, einfach weil es immer gelebt hat. Es ist das ewige Sein, der Sitz der Seele.
Existenz manifestiert sich zuerst als ein Punkt (bindu) und dann als nāda (urspuenglicher Klang). Anāhata ist jener Ort, an dem nāda als nāda anāhata (der Klang des Herzens) wahrgenommen werden kann. Dieser Klang hat weder Anfang noch Ende. Er ist ein Spiegelbild des Göttlichen und ist Oṃ, der ewige Klang – das innere Mantra des Herzens.
Dieser nāda anāhata, oder Oṃ, ist Śabda-brahman, das Göttliche in Klangform. Denn was ist die Welt anderes als die Symphonie des Körpers Gottes? Du selbst bist eine Melodie, die das Leben über dich komponiert. Brahman, das Göttliche, ist eins mit ātman, der individuellen Seele. Aufgrund dieser Einheit von ātman und Brahman residiert ātman selbst im Herzen und brennt dort wie eine Flamme, die niemals flackert oder raucht. Diese Flamme, genannt akhaṇḍa jyoti, brennt wie der Klang, ohne Anfang und Ende.
Was kein Ende hat, kann nicht besiegt werden. Es kann weder genommen werden, noch gegeben werden. Es existiert ohne jede Bedingung, für immer und ewig.
Dies ist die Quelle der bedingungslosen Liebe, die auf die Welt scheint, unabhängig davon, wer in ihr Licht tritt. Es ist die Quelle der Schönheit, die von der Welt ausstrahlt und im Herzen aller Wesen wohnt.
Das Herz ist jener Ort, der zwischen Himmel und Erde liegt. Es schaut aus der Mitte heraus hinauf ins Universum und erkennt seine ewige Natur, blickt aber gleichzeitig hinab ins Leben und erkennt darin die Begrenztheit und das Leiden aller Dinge.
Die Symphonie, die aus dem Herzen ertönt, ist daher sowohl tragisch als auch wunderschön. Diejenigen, die den Herzensraum betreten, können jene Traurigkeit spüren, die von Freude durchdrungen ist. Nur wer das Leid anderer teilen kann, entwickelt Mitgefühl. Tief im Kern dieses Mitgefühls, sind Tränen der Freude, und ein Weinen in dem eine freudige Schönheit liegt.
Anāhata ist auch der Sitz von vijñānamaya kośa, dem Körper der Erkenntnis. Diese Erkenntnis unterscheidet sich von jener, die durch mānas und die Sinne geschaffen wird. Vijñāna (was Bewusstsein, Einsicht oder Unterscheidung bedeutet) bezieht sich auf das Wissen, das aus einem Zustand der Achtsamkeit entspringt. Es ist die Summe aller Erkenntnisse, die man über die Natur der Realität besitzt.
Damit umfasst vijñāna jene Glaubenssätze, die man über das Wesen der Realität in sich trägt (z. B., dass die Welt ein Ort ist, um Liebe zu geben oder Reichtum zu erwerben). In Bezug auf die spezielle Form der Persönlichkeit kristallisiert sich dieses Wissen als moralische Leitlinien oder religiöse Überzeugungen heraus. Hier liegen alle tiefen Strukturen des Glaubens und der Überzeugungen über die Natur des Göttlichen.
Auf diese Weise wächst in anāhata der kalpataru, der Wunsch erfüllende Baum, weil jeder tiefe Glaube zu deiner Realität werden muss. So fließt aus der Tiefe des Herzens die Realität hervor.
Wie das Herz auf der individuellen Ebene deines Seins der Sitz von vijñānamaya kośa, dem Körper der wahren Erkenntnis, ist, so ist das Herz auf kosmischer Ebene der Sitz von jñānaśakti – der Kraft der wahren Einsicht.
Jñāna ist das wahre Wissen jenseits der persönlichen Bewussseinserkenntnis, vijñāna. Verwandt mit dem griechischen Wort gnō̂sis teilt es die gleiche Wurzel und bezieht sich auf Einsicht über das Wesen Gottes.
Jñānaśakti ist jene kosmische Kraft, die weiß, was wirklich ist, und die zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann. Denn das Herz weiß, warum das Leben bedeutungsvoll ist, warum das Gute richtig und das Böse falsch ist.
Jñānaśakti ist jenes innere Wissen, in dem diese Wahrheit klar wird. Im Zentrum von jñānaśakti strahlt die eine kosmische Liebe.
Möge Parāparā (Jñānaśakti), die pulsierende, strahlende Zinke des Wissens, die die dreifache Fessel mit ihren brennenden Lichtstrahlen verbrannt hat, die Kraft haben, alles, was der Wahrheit widerspricht, zu entwurzeln.
Tantrāloka (Dr. Mark S. G. Dyczkowski)
EIGENSCHAFTEN
Ausgewogen:
Erkenntnis Gottes ist Liebe zu Gott. Freude, Offenheit, klare und offene Sprache, Kreativität, wortloses Wissen um die tiefere Bedeutung des Lebens, Wertschätzung der Schönheit des Lebens und Sterbens, Mitgefühl. Bereitschaft, zu vertrauen und loszulassen. Starkes Atmen, langes Leben und Vitalität bis ins hohe Alter.
Unausgewogen:
Grausamkeit, Nihilismus, totalitäre Tendenzen, Arroganz, Kleingeistigkeit, Schwierigkeiten, sich neuen Möglichkeiten zu öffnen. Zweifel an anderen. Flaches oder unregelmäßiges Atmen. Kurze Lebensspanne. Herzprobleme.
Bedeutung: Der ungeschlagene, unbesiegte
Mantra: Oṃ vāyu namaḥ, oṃ
Element bīja: Yaṃ, Luft
Kosmischer Aspekt: Jñānaśakti – die Kraft der wahren Einsicht
Alter: 21–28 Jahre
Anatomie: In der Mitte der zentralen vertikalen Achse (suṣumnā). In der Mitte der Brust.
Symbolik: Ein Lotus mit 12 Blütenblättern, zwei ineinander verschlungene Dreiecke, eine Flamme ohne Rauch.
Übung für das Herz Chakra
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