Mark Dyczkowski: Der Weg des Verstehens

Mark Dyczkowski: Der Weg des Verstehens

Der Weg des Verstehens

Gestern war Markijis Geburtstag. Unser grossartiger Lehrer, Mark Dyczkowski.

Wir haben uns getroffen – seine Gemeinschaft, die Menschen, die ihm nahestanden, und diejenigen, die ihn liebten. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um einige Worte über ihn und seine Lehren zu schreiben. Für mich selbst, um meine Gefühle nicht zu vergessen, und für Sie, damit das Wesentliche der Lehre, für die er stand, erhalten bleibt und weiterwachsen kann.

Der Weg, für den Markiji stand – der tantrische Weg des kaschmirischen Shivaismus – ist ein sehr erhabener Weg. Er spricht nicht von Moral, obwohl er sehr moralisch ist. Er spricht nicht von rechtem Handeln, obwohl alle seine Anhänger rechtes Handeln praktizieren. Er sagt Ihnen auch gar nicht erst, was Sie tun sollen, obwohl jeder das Richtige tut.

Vielmehr geht es darin um die Entwicklung des richtigen Bewusstseins, des richtigen Verständnisses vom Wesen Gottes und der daraus erwachsenden Wirklichkeit. Dabei geht es davon aus, dass, sobald wir eins mit dem erhöhten Bewusstsein werden, alle Wahrheit daraus hervorgehen wird.

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Warum ist der kaschmirische Shivaismus so wichtig?

Der kaschmirische Shivaismus ist in unserer Zeit deshalb so wichtig, weil sein Verständnis die „Mula“ ist – die Wurzel wahrhaft religiösen oder spirituell förderlichen Verhaltens. In dem Moment, in dem wir diese Spiritualität tiefgreifend verstehen, ergibt sich alles, was wir tun müssen, aus diesem Verständnis, und alle Handlungen sind eins mit dem höheren Ziel.

Unser Handeln – ob es nun richtig oder falsch ist – ist ohne dieses innere Verständnis lediglich eine Handlung, geistig leer und in seiner Wirkung bedeutungslos. Wie ein Holzklotz, der im Fluss treibt und an einen bestimmten Ort getragen wird.

Der Shivaismus in einer sich wandelnden Welt

Wenn sich die Welt jedoch verändert, benötigen wir die richtige Sichtweise, die richtige Form der Achtsamkeit, damit wir jeden Tag aufs Neue entscheiden können, wohin dieser Holzklotz treiben muss und wie er seinen Weg finden soll.

Auf diese Weise ist das kaschmirische Verständnis von Spiritualität der Fluss selbst – nicht das Holz, das er mit sich führt. Es ist der Strom des Wassers, in dem wir unseren Weg durch eine sich wandelnde Landschaft aus Technologie, Gier und endlosem Verlangen finden.

Wenn wir den Nektar Gottes kosten, weitet sich das Bewusstsein dafür, wer wir wirklich sind, immer weiter aus, und wir sind bereit dafür, dass die Welt am Horizont entsteht.

Der Fluss des Lebens, Yoga-Ausbildung bei Mark Dyczkowski

An dieser Stelle erlaube ich mir, eine Mitschrift eines Vortrags von Markiji zu veröffentlichen, die von einem seiner engsten Schüler niedergeschrieben wurde. Sie gibt seine Gedanken in seinen eigenen Worten wieder – lesen Sie, denken Sie nach, lassen Sie es auf sich wirken und genießen Sie es:

„Sehen Sie, in den Sutras ist zwar die Rede davon, was bei sehr fortgeschrittenen Yogis geschieht, doch ist dies auch für uns von Bedeutung, da die kaschmirischen Śaiviten ihre Praxis an diesen höheren Bewusstseinszuständen ausrichten.“

So wie Christen, so könnte man sagen, Christus nacheifern, so ahmen die kaschmirischen Śaiviten in ihrem begrenzten Bewusstsein höhere Bewusstseinszustände nach.

Das gelingt uns zwar nicht so gut … aber wir können es versuchen.

Es ist genau dieser Versuch, der – wie es in einem Sutra heißt – „prayatnaḥ sādhakaḥ“ ist; es ist diese Anstrengung, die wir unternehmen, um unsere individuellen Bewusstseinszustände an die höheren Zustände anzupassen, sie darauf auszurichten und sie uns auf jede erdenkliche Weise vorzustellen, und daraus ergibt sich dann alles Weitere.

Ethik, rechtes Handeln, fundiertes Verständnis, eine gute Lebensweise, die Entfaltung unseres seelischen Wohlbefindens – all dies wird in dem Maße geschehen, in dem wir uns selbst, unser eigenes begrenztes Bewusstsein, an die höheren Bewusstseinsebenen anpassen.

Um dies zu tun , müssen wir etwas über sie wissen. Und zunächst einmal erfahren wir etwas über sie durch unsere Gedanken, durch unsere Vorstellungskraft, durch das, was wir hören, durch das, was wir selbst verstehen können, und vor allem durch die Lehren der heiligen Schriften.

… Wir erfahren durch unsere heiligen Schriften von höheren Zuständen, damit wir diese Zustände in unserer begrenzten Existenz nachahmen können.

Es gibt Orte, an denen darüber diskutiert wird, ob dies möglich ist. Und die Antwort darauf lautet, dass es durchaus möglich ist, denn es gibt keine Diskontinuität auf irgendeiner Ebene oder in irgendeinem Bewusstseinszustand, es gibt keinen Bruch zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, da das Unendliche die Existenz aller endlichen Dinge ist.

Wenn es also eine Diskontinuität gäbe, würden die Dinge aufhören zu existieren; sie würden sozusagen von ihrer Existenz getrennt werden – was jedoch nur eine Vorstellung ist; dies ist in Wirklichkeit keineswegs möglich.

Jeder einzelne von uns als Mensch … verfügt über eine angeborene Verbindung zum unendlichen Bewusstsein, und diese angeborene Verbindung zum unendlichen Bewusstsein ermöglicht es uns, an dessen Leben teilzuhaben. Und genau das tun wir, indem wir uns in dieser Weise bemühen.

Darum geht es bei der Religion im eigentlichen Sinne aus der Sicht der kaschmirischen Śaiva-Tradition.

Es gibt einige religiöse Wege, die der Mystik gerne aus dem Weg gehen, weil sie sagen: „Nun, zunächst müssen wir unser eigenes Haus in Ordnung bringen, es ordentlich und sauber halten; wir müssen moralisch handeln, uns korrekt verhalten und so weiter und so fort.“ Und was danach geschieht – nun, das ist Gottes Sache, das werden wir schon sehen.

… stellen wir fest, dass dies in allen großen Religionen der Fall ist…

Dennoch existiert dieser Weg. Dieser Weg bekräftigt das Gegenteil. Er besagt: Wenn sich unser Bewusstsein weiterentwickelt, dann wird unser moralisches Verhalten mit dieser Entwicklung im Einklang stehen; unser sogenanntes sündhaftes Verhalten wird moralischer werden; wir werden auf weltlicher Ebene in jeder Hinsicht zu besseren Menschen werden; wir werden altruistisch, großzügig, liebevoll, gütig usw. werden.

Tatsächlich bekräftigen sie, dass dies nur möglich wäre, wenn eine Erweiterung oder Weiterentwicklung des Bewusstseins stattfände.

Ich sage dies, weil man beim Lesen des Śiva-Sūtra vielleicht denkt: „Nun, was hat das mit mir zu tun?“, wenn diese Sūtras die Erfahrung des Siddha – eines Menschen, der die volle Verwirklichung erlangt hat – darlegen.

„Der Grund ist also in etwa dieser.“

Aus einem frühen Kurs zu den Śiva-Sūtras, der auf Anuttara Trika Kula verfügbar ist. Die Audioaufnahme trägt die Bezeichnung „ŚSū 1.12“ (obwohl Mark Dyczkowski tatsächlich über Sūtra 1.14 spricht). Die zitierte Stelle beginnt bei etwa Minute 20.

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Was ist Yoga? Kurz und Bündig.

Was ist Yoga? Kurz und Bündig.

Yoga in all seinen Formen ist eine Antwort und zugleich ein Versuch, die grundlegenden Fragen der Menschheit zu ergründen. Der Westen suchte diese Antworten in der Wissenschaft, der Osten in der Spiritualität.

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Pātañjalayogasūtra (1:2)

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Warum bin ich hier?

Warum bin ich hier? Was ist die Natur der Realität? Welche Bedeutung hat mein Sein? Warum bin ich dieses Ich?

Der Westen betrachtete die Materie und maß sie, der Osten betrachtete Erfahrung und ergründete sie. Yoga ist eine Wissenschaft des Phänomens des Seins. Im Yoga ist die messbare Realität der Erfahrung untergeordnet. Tief im Innersten der Matrix des Seins ist das auch richtig so, denn nichts ist von Bedeutung, wenn es nicht durch den Erfahrenden hindurch eine bestimmte Perspektive annehmen kann. Die Erfahrung ist daher die Mutter des Seins.

Yoga ist die Erforschung der eigenen begrenzten Existenz und der kosmischen Existenz, die darin verborgen liegt. Yoga erforscht nicht das Diesseits, sondern die Bedeutung des Seins über die Grenzen des Alltäglichen hinaus – die Position des Individuums in der kosmischen Ordnung.

Drei Definitionen, ein Ziel

Yājñavalkya definiert Yoga als die Einheit des individuellen Selbst mit dem Kosmischen. Patañjali definiert Yoga als die finale, allumfassende Stille der Fluktuationen des Bewusstseins. Abhinavagupta definiert Yoga als die völlige Entfaltung deiner eigentlichen, ewigen Natur.

Alle diese Perspektiven sind richtig und verschiedene Aspekte des einen Großen, und unterscheiden sich in der Form der Praxis, aber nicht im letztendlichen Ziel. Yājñavalkya schenkt uns das Geheimnis der Kuṇḍalinī, um das innere Selbst zu erheben. Patañjali schenkt uns den Weg zur Reinigung des Geistes, Fokus und Stille. Und Abhinavagupta sieht das eine unzerteilte Herz in allen Dingen, das das Herz aller ist.

In all seinen Definitionen ist Yoga eine Erforschung des eigenen ewigen Wesens, aber nicht nur des reinen Wissens wegen, sondern um dieses Wissen zu verkörpern, und in dieser Verkörperung ein lebendiger Teil der grenzenlosen Erfahrung des Lebens zu werden.

Yoga ist ein unschätzbares Geschenk für die Menschheit.

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Yoga ist definiert als die Vereinigung der vielen Gegensatzpaare, wie die Vereinigung von Ein- und Ausatmung, der Eizelle und des Spermas, die Vereinigung des Prinzips der Sonne und des Mondes oder der individuellen Seele mit der kosmischen Seele.
Yoga-Bīja, 88–90ab

Dieser Beitrag ist der Auftakt unserer Serie zur Geschichte des Yoga. Im nächsten Beitrag wandern wir weiter zu den Wurzeln des Yoga.

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Die Klassische Ära des Yoga: Patañjalis Yoga-Sūtras

Die Klassische Ära des Yoga: Patañjalis Yoga-Sūtras

Was macht die klassische Ära zum Wendepunkt?

Weil Yoga hier zum ersten Mal aufhört, eine lose Sammlung von Praktiken zu sein, und zu einem System wird. Was zuvor über Jahrhunderte in Hymnen, Askese und Dichtung verstreut lag, bekommt in dieser Zeit eine Ordnung, einen Aufbau und ein erklärtes Ziel.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie zur Geschichte des Yoga; zuvor haben wir die vorklassische Ära mit den Śramaṇas und der Bhagavad Gītā betrachtet.

Basierend auf den Sāṃkhya- und buddhistischen Einflüssen begann das heutige Yoga seine Entwicklung als eigenständige Philosophie. Die Sāṃkhya, die in ihrer Philosophie viele Ähnlichkeiten mit dem Yoga hatten, unterschieden sich in erster Linie dadurch, dass sie wie die Buddhisten atheistisch waren und die Existenz eines para-puruṣa – īśvara, also Gottes, ablehnten.

Yoga hingegen wählte hier einen Sonderweg als theistische Philosophie und akzeptierte die Hinwendung zu einem persönlichen Gott als einen Weg zu samādhi.

person meditating yoga sun moon

Was stehen in Patañjalis Yoga-Sūtras?

Patañjali schuf das wahrscheinlich bedeutendste Werk für das Yoga, wie wir es heute kennen – die Yoga-Sūtras. Diese Sūtras (was „Faden" bedeutet) sind eine Anleitung durch den Pfad des Rāja Yoga, der zuvor in der Bhagavad Gītā erwähnt wurde. Im Groben beschreiben die Sūtras, was Yoga ist, seinen Weg und seine Praxis und darüber hinaus das Mysterium der Realität.

Patañjali bezieht sich zu Beginn des für uns wichtigsten 2. Kapitels auf die yogische Disziplin Tapas (wörtlich „Hitze") als jene Kraft, die Kriyāśakti – die Kraft des Handelns – erwecken kann. Diese Kriyāśakti ist die Voraussetzung, um die Ursachen des Leidens (kleśas) zu überwinden und Samādhi zu erreichen. Tapas bezieht sich auf den zuvor erwähnten Geist des vollständigen Opfers, wie er von den Śramaṇas praktiziert wurde. In gewisser Weise ist Patañjali Yoga eine verfeinerte Weiterentwicklung aus den asketischen Śramaṇa-Traditionen.

Im Kapitel Sādhana-Pāda (Kapitel 2 der Yoga-Sūtras) erklärt Patañjali acht aufeinanderfolgende Stufen der Selbsterkenntnis als die acht Glieder des Yoga. Innerhalb dieses Systems wird Selbsterkenntnis durch die schrittweise Entwicklung der Unterscheidungsfähigkeit (viveka) erreicht, die zwischen der Welt und ihrem unveränderlichen ewigen Wahrnehmer differenzieren kann.

Da Patañjalis Yoga die acht (aṣṭāṅga) Glieder als Stufen der Erkenntnis betont, wird es oft als Ashtanga Yoga betrachtet. Die Tantras, die etwa 500–800 Jahre später entstanden, nahmen diese Lehren in ihren Korpus auf und entwickelten sie weiter zu dem, was wir heute als Hatha Yoga (Yoga der Kraft) kennen.

Was sind die acht Glieder des Yoga?

Die acht Glieder (aṣṭāṅga) sind Patañjalis Antwort auf die Frage, wie ein Mensch Schritt für Schritt zur Selbsterkenntnis gelangt: yama (Umgang mit anderen), niyama (Umgang mit sich selbst), āsana (Sitz/Haltung), prāṇāyāma (Atem), pratyāhāra (Rückzug der Sinne), dhāraṇā (Sammlung), dhyāna (Meditation) und samādhi (Versenkung).

Bemerkenswert ist dabei, wie wenig Raum die körperliche Haltung einnimmt: āsana ist nur eines von acht Gliedern, und Patañjali beschreibt es mit bemerkenswerter Kürze. Was heute im Westen als „Yoga" gilt, ist also gewissermaßen ein Achtel dessen, was er meinte. Wie diese acht Glieder in einer heutigen Praxis zusammenwirken, ist auch ein Schwerpunkt unserer Yogalehrer-Ausbildung.

Unwissenheit kann beseitigt werden, indem man eine ununterbrochene Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem Bewusstsein und der Welt kultiviert.

Pātañjala-Yoga-Śāstra (2:26)

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Was sind die Upanishaden?

Die Upanishaden sind ein wesentlicher Teil der vedischen Tradition und werden oft als deren Abschluss bezeichnet – das Vedānta, wie die Philosophie der Upanishaden genannt wird. Es gibt 108 bedeutende Upanishaden, die den Kanon Muktikā, die Sammlung der Freiheit, bilden. Der Begriff Upaniṣad leitet sich vom Wort upadeśa ab, was „Lehrer" bedeutet und darauf hinweist, dass die Lehren darin lebendig und aktiv sind.

Die allererste Upanishad, die Yoga so benennt, wie wir es heute verwenden, war die Kaṭhopaniṣad, die etwa 300 v. Chr. geschrieben wurde. Wie die früheren Veden verwendet sie das Bild des Wagens als Darstellung der Person, die nach Befreiung strebt. In diesem Bild ist die Person, die im Wagen steht, das ātman, die Seele. Der buddhi oder Intellekt ist der Wagenlenker, und der Geist (mānas) wird durch die Zügel dargestellt. Dieser Geist kontrolliert die Sinne (indriya), welche die Pferde sind, und das Objekt der Sinne ist der Weg selbst, den sie nehmen.

Die Kaṭhopaniṣad erklärt, dass es eben das Yoga ist, das diesen Geist selbst zähmt, damit die Zügel im Sinne der Seele gehalten werden und der Weg richtig gefunden werden kann.

Warum kehrt das Bild des Wagens immer wieder?

Weil es die vielleicht klarste Beschreibung dessen ist, was Yoga tut. Wir sind ihm schon im allerersten Beitrag dieser Serie begegnet, wo das Wort yuj das Anjochen von Wagen und Pferden bezeichnete – und hier, Jahrhunderte später, taucht dasselbe Bild wieder auf, nun als vollständige Lehre.

Diese Wiederkehr ist kein Zufall. Das Bild hält fest, dass Yoga nichts unterdrückt, sondern lenkt. Die Pferde werden nicht getötet, die Sinne nicht abgeschafft. Sie bekommen eine Richtung. Genau darin unterscheidet sich der yogische Weg von der reinen Askese der Śramaṇas.

Durch diese ununterbrochene Praxis wird der Parichaya-Zustand erreicht. Vāyu erweckt durch unermüdliche Praxis zusammen mit der Kraft des Feuers die Kuṇḍalinī und tritt dann ohne Unterbrechung in den Suṣumnā ein. Wenn das Citta zusammen mit Prāṇa in den Suṣumnā fließen, erreicht das Bewusstsein den hohen Thron durch die Kraft des Prāṇas.

Yoga-Tattva Upanishad (81–83)

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie zur Geschichte des Yoga. Im nächsten Beitrag geht die klassische Ära weiter – mit den Tantras (Āgamas) und der Verehrung des Göttlichen.

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Die Vorklassische Ära: Śramaṇas und Bhagavad Gītā

Die Vorklassische Ära: Śramaṇas und Bhagavad Gītā

Was macht die vorklassische Ära so entscheidend?

Weil in ihr zum ersten Mal jene Spannung entsteht, die das Yoga bis heute prägt: der Gegensatz zwischen radikaler Weltabkehr und liebevoller Hinwendung zur Welt. Auf der einen Seite die Śramaṇas, die den Körper bis an die Grenze und darüber hinaus trieben. Auf der anderen die Bhagavad Gītā, die das Göttliche mitten im Handeln findet.

Beide Strömungen wirken bis heute nach – und beide finden sich, in verwandelter Form, in dem wieder, was wir heute praktizieren. Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie zur Geschichte des Yoga; zuvor haben wir die ältesten Wurzeln des Wortes Yoga betrachtet.

Etwa 500 v. Chr. entwickelte sich in der Gegend des heutigen Allahabad eine radikale asketische Bewegung – und wenig später sollte ein einziger poetischer Text die Richtung des Yoga für immer verändern.

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Wer waren die Śramaṇas?

Diese Asketen, bekannt als Śramaṇas (bedeutet „Streber/Suchende"), entwickelten sich um etwa 500 v. Chr. Obwohl sie sich unabhängig von den brahmanischen Traditionen entwickelten, ist es wahrscheinlich, dass sie vom vedischen Denken beeinflusst wurden.

Ihr Hauptanliegen war es, Meditationstechniken (dhyānas) zu entwickeln, um dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu entkommen und Erleuchtung (nirvāṇa) oder Befreiung (mokṣa) zu erreichen.

Ihre Techniken waren darauf ausgelegt, eine vollständige „Zerstörung des individuellen Seins" zu erreichen. Obwohl diese Techniken nicht selbst als Yoga bezeichnet wurden, pflanzten ihr Ziel der Befreiung durch völlige Selbstaufopferung den Samen für spätere yogische Techniken.

Trotz ihrer Ablehnung der vedischen Autorität fanden ihre Ideen den Weg zurück in die Veden. Tatsächlich spricht das Mahābhārata aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. von dhyāna yoga (Yoga der Meditation), das sich aus der Śramaṇa-Tradition heraus entwickelt hatte.

Wichtige (und schaurige) Praktiken der Śramaṇas umfassen:

  • Stehen während des gesamten Lebens und sich niemals hinsetzen.
  • Den Blick zum Himmel richten und nie nach unten schauen.
  • Die Hände auf die Brust legen und sie nie wieder öffnen.
  • Den Körper kopfüber über einem Feuer von einem Baum hängen lassen.
  • Beide Arme zum Himmel erheben und nie wieder senken.
  • Für immer in sitzender Haltung bleiben und nie hinlegen oder aufstehen.

Dies ist eine kleine Auswahl der 18 asketischen Hingebungen an Brahma. Viele von ihnen sind eher erschreckend und, wenn sie erfolgreich praktiziert werden, führen sogar zum Tod. Dennoch bildet die ihnen zugrunde liegende Willenskraft das Fundament für „tapas", die yogische Disziplin oder Askese. Man kann tatsächlich auch heute noch Sadhus finden, die diese Techniken in ihrer ursprünglichen Form praktizieren.

Was bleibt heute von der Askese der Śramaṇas?

Nicht die extremen Praktiken – aber ihr Kern. Was von den Śramaṇas übrig geblieben ist, ist der Begriff tapas, wörtlich „Hitze": jene innere Glut, die entsteht, wenn man etwas gegen den eigenen Widerstand durchhält.

In dieser abgemilderten Form ist tapas bis heute ein tragender Begriff geblieben. Patañjali stellt ihn später an den Anfang seines zweiten Kapitels, und auch in unserer eigenen Yogalehrer-Ausbildung ist er ein wiederkehrendes Thema. Die Frage ist dabei nie, wie viel man aushält – sondern was durch das Aushalten in einem wach wird.

Warum ist die Gītā für Yoga so wichtig?

Ja, die Bhagavad Gītā ist für das Yoga von grundlegender Bedeutung – und das aus einem Grund, der leicht übersehen wird: Sie ist der erste Text, der Yoga nicht als Rückzug aus dem Leben beschreibt, sondern als eine Weise, mitten im Leben zu stehen.

Ihr Rahmen ist ein Schlachtfeld, ihr Gespräch findet zwischen einem zweifelnden Krieger und seinem Wagenlenker statt. Damit greift sie genau jenes Bild wieder auf, das schon in der Wortwurzel von Yoga steckt – den Wagen, die Zügel, die Pferde. Was in den Veden noch Metapher war, wird hier zur Frage: Wie handelt man richtig, wenn man nicht mehr weiß, was richtig ist?

Bhagavad Gita Krishna Arjuna

Welche vier Yoga-Wege beschreibt die Bhagavad Gītā?

Etwa 100 Jahre nach der Entwicklung der Śramaṇas erforschte die Bhagavad Gītā die Wege der Vereinigung mit dem Göttlichen. Die Bhagavad Gītā ist eine tiefsinnige Reise in die Natur der Seele und eine poetische Erkundung des Sinns der Existenz. Sie beschrieb die vier Hauptpfade des Yoga:

  • Karma Yoga – der Yoga des Handelns.
  • Bhakti Yoga – der Yoga der Hingabe.
  • Jñāna Yoga – der Yoga des Wissens.
  • Rāja Yoga – der königliche Pfad (Meditation und prāṇāyāma).

Heutzutage wird, da sie ein klassisch dualistischer Text ist, ihre Bedeutung für den Geist des Yoga oft übersehen. Die Gītā ist nicht nur atemberaubend schön und dramatisch, sie legt vor allem das ethische Fundament für den Weg des Yoga und den Pfad des Patañjali Yoga. Sie besitzt auch eine besondere Herzensqualität, wie sie in anderen Schriften des Yogas rar ist. Sie ist warm und flammend.

Ich bin das Ritual und die Anbetung, die Medizin und das Mantra, die Butter, die im Feuer verbrannt wird, und zugleich auch die Flammen, die sie verzehren.

Ich bin Anfang und Ende, Ursprung und Auflösung, Zuflucht, Heim, wahrer Liebhaber, Schoß und unvergänglicher Samen.
Bhagavad Gītā (9:16,18)

Was hat der Buddhismus zum Yoga beigetragen?

Zwei Jahrhunderte vor Patañjalis Yoga-Sūtras begannen buddhistische Schulen mit der Praxis von Meditationstechniken, die sie 'yoga' nannten. Diese Schulen waren als Yogācāra bekannt. Ihr Wissen und Textkorpus soll umfangreicher gewesen sein als das des Patañjali-Yoga. Der Yogācāra erreichte seine größte Reife im buddhistischen Tantra und bildet die Grundlage für das heutige buddhistisch-tantrische Yoga.

Im nächsten Beitrag betreten wir die klassische Ära – mit Patañjalis Yoga-Sūtras und den Upanishaden.

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Was ist Yoga? Kurz und Bündig.

Wurzeln des Yoga: Etymologie und älteste Ursprünge

Warum lohnt sich ein Blick auf die Wortwurzel?

Wer verstehen will, was Yoga ist, kommt an seinem Namen nicht vorbei. Anders als viele moderne Begriffe trägt das Sanskritwort seine Bedeutung noch offen in sich: Es benennt keine Übungsform, sondern einen Vorgang – das Verbinden selbst.

Bevor wir zu Techniken, Schulen und Schriften kommen, lohnt sich daher der Blick auf jenes eine Wort, aus dem alles Weitere gewachsen ist. Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie zur Geschichte des Yoga; zuvor haben wir gefragt, was Yoga überhaupt ist.

Was bedeutet Yoga?

'Yoga' bedeutet wörtlich Vereinigung und leitet sich von der Sanskrit-Wurzel yuj ab, die „anbinden, verbinden oder anjochen" bedeutet.

Die ursprüngliche Verwendung dieses Wortes bezieht sich auf die Vereinigung zwischen dem Kriegswagen und seinen Pferden, die über das „Joch" aneinandergebunden waren. Dieser sogenannte Yoga-Wagen sollte gefallene Krieger in den Himmel tragen.

jalandhara bandha yoga

Was verbindet das Joch – Seele und Leidenschaft?

Yoga ist aber nicht nur das Joch – das Bindeglied selbst –, sondern auch der Zügel, der führt. So wie das Joch den Wagen mit dem Pferd verbindet, verbindet Yoga (die Zügel) die Seele (der Wagenführer) mit den Leidenschaften (den Pferden).

Wenn die Weisheit der Seele über das Yoga die Leidenschaften lenken kann, dann kann das Ziel erreicht werden. Dieses Bild entspricht genau dem, wie wir Yoga heute verstehen – die Kraft, die den Einzelnen ermächtigt, sich mit dem größeren Ziel zu vereinen.

mond vishuddha

Wo taucht das Wort „Yoga" zum ersten Mal auf?

Der Begriff 'Yoga' erscheint erstmals im Hymnus 5.81.1 des Ṛgveda und bezieht sich dort auf die magische Kraft, die durch Askese erweckt wird. In diesen frühen vedischen Texten sind zwar keine Techniken des Yoga zu finden, dennoch existierte gleichzeitig dazu eine starke asketische Tradition, die körperliche Praktiken und Meditationen nutzte und sich parallel zum Buddhismus und Jainismus um etwa 600 v. Chr. entwickelte.

Ein früher Hinweis auf diese asketische Kultur (um etwa 1000 v. Chr.) ist im Hymnus 10:136 des Ṛgveda zu finden, in dem ein langhaariger Asket beschrieben wird, der visionäre Meditationspraktiken verwendet.

Wie alt ist Yoga wirklich?

Ja, Yoga ist tatsächlich mehrere Jahrtausende alt – aber nicht in der Form, die man heute im Studio sieht. Der Ṛgveda, aus dem die oben genannten Hymnen stammen, gehört zu den ältesten durchgehend überlieferten Texten der Menschheit: Seine Verse wurden über Jahrtausende mündlich weitergegeben, lange bevor sie je niedergeschrieben wurden.

Wichtig ist die Unterscheidung: Das Wort Yoga ist uralt. Die Praxis, wie wir sie heute kennen, ist deutlich jünger und hat sich über viele Jahrhunderte aus ganz verschiedenen Strömungen zusammengefügt – aus asketischen Bewegungen, aus den Upaniṣaden, später aus dem Tantra. Genau diesen Weg zeichnet unsere Serie Schritt für Schritt nach.

pranayama yoga

Warum beginnt Yoga ausgerechnet mit dem Atem?

Weil der Atem die einzige Körperfunktion ist, die zugleich von selbst geschieht und bewusst gelenkt werden kann. Er steht damit genau an der Schwelle zwischen dem Unwillkürlichen und dem Willentlichen – und ist deshalb, yogisch gesprochen, das nächstliegende Tor zwischen Körper und Bewusstsein.

Dass die früheste beschriebene Yogatechnik ausgerechnet prāṇāyāma ist, ist deshalb kein Zufall, sondern folgerichtig. In unserer eigenen Praxis steht der Atem bis heute an dieser Stelle – mehr dazu auf unserer Seite zu Hatha und Kundalini Yoga. Wer die Techniken selbst kennenlernen möchte, findet im Downloads-Bereich unsere frei zugänglichen Anleitungen, darunter eine ausführliche Pranayama-Übersicht.

Welche war die erste Yoga-Technik?

Die erste Beschreibung von Yogatechniken, wie wir sie heute verstehen, erscheint in der Bṛhadāraṇyaka Upaniṣad (aus 900 v. Chr.) und bezieht sich auf prāṇāyāma.

Die Götter erkennen dieses eine Gesetz an, jenes, dass die Sonne aufsteigt und dass sie untergeht. Es ist heute wahr und wird auch morgen wahr sein. Die Sonne steigt in der Tat aus der Lebenskraft auf und geht auch in ihr unter.

Was diese Götter erkannten, ist auch heute wahr. Daher sollte der Mensch dieses eine Gesetz auch anerkennen – die Funktionen des prāṇa und apāna, auf diese Weise wird ihn das Übel des Todes nicht überkommen. Und wenn er es erkennt, sollte er es auch vollenden.

Dadurch erreicht er Einheit mit Gott oder lebt in derselben Welt wie Er.

Bṛhadāraṇyaka Upaniṣad (I:23)

Schon vor rund 3.000 Jahren wurde erkannt, dass der Atem nicht nur ein biologischer Vorgang ist, sondern eine Brücke zwischen dem Alltäglichen und etwas, das darüber hinausweist. Im nächsten Beitrag wandern wir weiter in die vorklassische Ära – zu den Śramaṇas, der Bhagavad Gītā und dem Yogācāra-Buddhismus.

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Sahasrara Chakra

Sahasrara Chakra

SAHASRĀRA Chakra

In ihr ist der ewige Ort, der die Wohnstätte Śivas genannt wird, der zeit- und raumlos ist, der frei von māyā (Illusion) ist, nur von Yogis erreichbar und der als Nityananda (immer in Glückseligkeit) bekannt ist. Er ist erfüllt mit jeder Form von Glückseligkeit und ist reine Erkenntnis.

Einige nennen es Brahman; andere nennen es Haṃsa. Weise beschreiben es als die Wohnstätte Viṣṇus, und rechtschaffene Männer sprechen von ihm als dem unaussprechlichen Ort der Erkenntnis des Ātman oder dem Ort der Befreiung.

Ṣaṭ-Cakra-Nirūpaṇa

 

iccha shakti para

DIE ORT DER FREIHEIT

So wie jeder Anfang ein Ende hat, hat jede Reise ein Ziel. Sahasrāra ist der Ort des Endes aller Sehnsucht nach Erfüllung. Es ist der Ort der Ruhe und der Zustand der Einheit mit dem ultimativen Ziel.

Die Fähigkeit, den Geist zum Zwecke der Meditation zu binden (dhāraṇā) und zu kontrollieren, ist die Kraft von viśuddha. Die Einheit mit dem Objekt der Meditation (dhyāna), also die Absorption in darin, ist jedoch die Kraft von ājñā. Dort löst sich das begrenzte Selbst auf.

Laut Patañjali ist samādhi die mystische Stufe des Seins, die dieser vollständigen Einheit mit dem Objekt der Meditation folgt. Es ist die Einsicht in die Natur der Dinge, das Eintreten in das Mysterium Gottes.

Konzentration fixiert das Bewusstsein auf ein einziges Objekt. Dies wird Dhāraṇā genannt. Wenn der gesamte Wahrnehmungsstrom eins mit diesem Objekt ist, ist dies Dhyāna.

Wenn nur die wesentliche Natur des Objekts hervorleuchtet, als ob es formlos wäre, ist Samādhi entstanden.

Yoga-Sūtras (3:1–3)

Samādhi ist das letzte der acht Glieder des Yoga und somit die höchste Stufe der yogischen Evolution. Sahasrāra bezieht sich ebenfalls auf diesen höchsten spirituellen Zustand. Daher ist die Erweckung von sahasrāra nichts anderes als das Eintreten in den Zustand des samādhi.

Kontemplation über das wahre Sein ist eine Reise, so wie das Leben selbst. Diese Reise ist bewusst oder unbewusst auch eine Suche nach dem Mysterium des Daseins. Die Chakren sind genau jene Reise durch das Selbst.

Jedes Chakra ist ein Ort, an dem ein Teil der Kraft der Welt und dessen, was ist, erkannt werden kann. Am Ende dieser Reise durch die vertikale Achse des Selbst, in der das Bewusstsein schlummert und die Chakren wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht sind, erhebt sich die mystische Erfahrung der Einheit mit Gott, der Quelle, dem Weg, dem Ziel.

In der yogischen Philosophie entspringt die Welt aus der Leere, die durch māyā (Illusion oder Śakti) alle Formen erschafft. Diese Energie (Śakti) schläft in mūlādhāra, im Materiellen, und kehrt, sobald sie erweckt ist, zu ihrer Quelle im Formlosen zurück.

Sahasrāra, das außerhalb von Zeit und Raum liegt (und in dieser Weise leer und voll zugleich ist), ist der Bewusstseinszustand, der die Quelle des Seins ist. Als solche findet Śakti ihren Ruheplatz in sahasrāra, als den Ort der endgültigen Hochzeit zwischen Energie und ihrer größten Ausdehnung, dem Bewusstsein.

Sahasrāra kann auch als die komplementäre oder transformierte Energie von mūlādhāra verstanden werden. Mūlādhāra drückt die Natur des Menschen als Materie aus. Eine der klarsten Eigenschaften der Materie ist ihre Begrenzung in den Dimensionen von Raum und Zeit.

Durch diese Matrix des Materiellen ist mūlādhāra das Tor in das Leben und damit in Geburt und Form.
Sahasrāra, als die Form seiner transformierten Energie, ist sein ewiges Gegenstück und daher das, was zeitlos und ohne Raum ist, das, was ohne Begrenzungen und ohne Form ist.

Daher ist sahasrāra der Tod und der ungeborene Zustand des Seins, der Zustand der Transzendenz.

 

mond vishuddha

EIGENSCHAFTEN

Aktiv: Stille

Bedeutung: Tausendfältig

Mantra: Oṃ śrī ma, Oṃ Mahāsarasvatī namaḥ

Element Bīja: Śrī, Oṃ Bewusstsein/Leere

Aspekt von icchā Śakti: Ewige Erde - Mahā Sarasvatī

Alter: 42–48 Jahre

Anatomie: Über dem Scheitel des Kopfes.

Symbolik: Ein Lotus mit 1.000 Blütenblättern, ein strahlend weißer liṅga.

vyana prana crown chakra

Übung für die Chakren

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