Warum lohnt sich ein Blick auf die Wortwurzel?

Wer verstehen will, was Yoga ist, kommt an seinem Namen nicht vorbei. Anders als viele moderne Begriffe trägt das Sanskritwort seine Bedeutung noch offen in sich: Es benennt keine Übungsform, sondern einen Vorgang – das Verbinden selbst.

Bevor wir zu Techniken, Schulen und Schriften kommen, lohnt sich daher der Blick auf jenes eine Wort, aus dem alles Weitere gewachsen ist. Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie zur Geschichte des Yoga; zuvor haben wir gefragt, was Yoga überhaupt ist.

Was bedeutet Yoga?

'Yoga' bedeutet wörtlich Vereinigung und leitet sich von der Sanskrit-Wurzel yuj ab, die „anbinden, verbinden oder anjochen" bedeutet.

Die ursprüngliche Verwendung dieses Wortes bezieht sich auf die Vereinigung zwischen dem Kriegswagen und seinen Pferden, die über das „Joch" aneinandergebunden waren. Dieser sogenannte Yoga-Wagen sollte gefallene Krieger in den Himmel tragen.

jalandhara bandha yoga

Was verbindet das Joch – Seele und Leidenschaft?

Yoga ist aber nicht nur das Joch – das Bindeglied selbst –, sondern auch der Zügel, der führt. So wie das Joch den Wagen mit dem Pferd verbindet, verbindet Yoga (die Zügel) die Seele (der Wagenführer) mit den Leidenschaften (den Pferden).

Wenn die Weisheit der Seele über das Yoga die Leidenschaften lenken kann, dann kann das Ziel erreicht werden. Dieses Bild entspricht genau dem, wie wir Yoga heute verstehen – die Kraft, die den Einzelnen ermächtigt, sich mit dem größeren Ziel zu vereinen.

mond vishuddha

Wo taucht das Wort „Yoga" zum ersten Mal auf?

Der Begriff 'Yoga' erscheint erstmals im Hymnus 5.81.1 des Ṛgveda und bezieht sich dort auf die magische Kraft, die durch Askese erweckt wird. In diesen frühen vedischen Texten sind zwar keine Techniken des Yoga zu finden, dennoch existierte gleichzeitig dazu eine starke asketische Tradition, die körperliche Praktiken und Meditationen nutzte und sich parallel zum Buddhismus und Jainismus um etwa 600 v. Chr. entwickelte.

Ein früher Hinweis auf diese asketische Kultur (um etwa 1000 v. Chr.) ist im Hymnus 10:136 des Ṛgveda zu finden, in dem ein langhaariger Asket beschrieben wird, der visionäre Meditationspraktiken verwendet.

Wie alt ist Yoga wirklich?

Ja, Yoga ist tatsächlich mehrere Jahrtausende alt – aber nicht in der Form, die man heute im Studio sieht. Der Ṛgveda, aus dem die oben genannten Hymnen stammen, gehört zu den ältesten durchgehend überlieferten Texten der Menschheit: Seine Verse wurden über Jahrtausende mündlich weitergegeben, lange bevor sie je niedergeschrieben wurden.

Wichtig ist die Unterscheidung: Das Wort Yoga ist uralt. Die Praxis, wie wir sie heute kennen, ist deutlich jünger und hat sich über viele Jahrhunderte aus ganz verschiedenen Strömungen zusammengefügt – aus asketischen Bewegungen, aus den Upaniṣaden, später aus dem Tantra. Genau diesen Weg zeichnet unsere Serie Schritt für Schritt nach.

pranayama yoga

Warum beginnt Yoga ausgerechnet mit dem Atem?

Weil der Atem die einzige Körperfunktion ist, die zugleich von selbst geschieht und bewusst gelenkt werden kann. Er steht damit genau an der Schwelle zwischen dem Unwillkürlichen und dem Willentlichen – und ist deshalb, yogisch gesprochen, das nächstliegende Tor zwischen Körper und Bewusstsein.

Dass die früheste beschriebene Yogatechnik ausgerechnet prāṇāyāma ist, ist deshalb kein Zufall, sondern folgerichtig. In unserer eigenen Praxis steht der Atem bis heute an dieser Stelle – mehr dazu auf unserer Seite zu Hatha und Kundalini Yoga. Wer die Techniken selbst kennenlernen möchte, findet im Downloads-Bereich unsere frei zugänglichen Anleitungen, darunter eine ausführliche Pranayama-Übersicht.

Welche war die erste Yoga-Technik?

Die erste Beschreibung von Yogatechniken, wie wir sie heute verstehen, erscheint in der Bṛhadāraṇyaka Upaniṣad (aus 900 v. Chr.) und bezieht sich auf prāṇāyāma.

Die Götter erkennen dieses eine Gesetz an, jenes, dass die Sonne aufsteigt und dass sie untergeht. Es ist heute wahr und wird auch morgen wahr sein. Die Sonne steigt in der Tat aus der Lebenskraft auf und geht auch in ihr unter.

Was diese Götter erkannten, ist auch heute wahr. Daher sollte der Mensch dieses eine Gesetz auch anerkennen – die Funktionen des prāṇa und apāna, auf diese Weise wird ihn das Übel des Todes nicht überkommen. Und wenn er es erkennt, sollte er es auch vollenden.

Dadurch erreicht er Einheit mit Gott oder lebt in derselben Welt wie Er.

Bṛhadāraṇyaka Upaniṣad (I:23)

Schon vor rund 3.000 Jahren wurde erkannt, dass der Atem nicht nur ein biologischer Vorgang ist, sondern eine Brücke zwischen dem Alltäglichen und etwas, das darüber hinausweist. Im nächsten Beitrag wandern wir weiter in die vorklassische Ära – zu den Śramaṇas, der Bhagavad Gītā und dem Yogācāra-Buddhismus.

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