Was macht die klassische Ära zum Wendepunkt?
Weil Yoga hier zum ersten Mal aufhört, eine lose Sammlung von Praktiken zu sein, und zu einem System wird. Was zuvor über Jahrhunderte in Hymnen, Askese und Dichtung verstreut lag, bekommt in dieser Zeit eine Ordnung, einen Aufbau und ein erklärtes Ziel.
Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie zur Geschichte des Yoga; zuvor haben wir die vorklassische Ära mit den Śramaṇas und der Bhagavad Gītā betrachtet.
Basierend auf den Sāṃkhya- und buddhistischen Einflüssen begann das heutige Yoga seine Entwicklung als eigenständige Philosophie. Die Sāṃkhya, die in ihrer Philosophie viele Ähnlichkeiten mit dem Yoga hatten, unterschieden sich in erster Linie dadurch, dass sie wie die Buddhisten atheistisch waren und die Existenz eines para-puruṣa – īśvara, also Gottes, ablehnten.
Yoga hingegen wählte hier einen Sonderweg als theistische Philosophie und akzeptierte die Hinwendung zu einem persönlichen Gott als einen Weg zu samādhi.
Was stehen in Patañjalis Yoga-Sūtras?
Patañjali schuf das wahrscheinlich bedeutendste Werk für das Yoga, wie wir es heute kennen – die Yoga-Sūtras. Diese Sūtras (was „Faden" bedeutet) sind eine Anleitung durch den Pfad des Rāja Yoga, der zuvor in der Bhagavad Gītā erwähnt wurde. Im Groben beschreiben die Sūtras, was Yoga ist, seinen Weg und seine Praxis und darüber hinaus das Mysterium der Realität.
Patañjali bezieht sich zu Beginn des für uns wichtigsten 2. Kapitels auf die yogische Disziplin Tapas (wörtlich „Hitze") als jene Kraft, die Kriyāśakti – die Kraft des Handelns – erwecken kann. Diese Kriyāśakti ist die Voraussetzung, um die Ursachen des Leidens (kleśas) zu überwinden und Samādhi zu erreichen. Tapas bezieht sich auf den zuvor erwähnten Geist des vollständigen Opfers, wie er von den Śramaṇas praktiziert wurde. In gewisser Weise ist Patañjali Yoga eine verfeinerte Weiterentwicklung aus den asketischen Śramaṇa-Traditionen.
Im Kapitel Sādhana-Pāda (Kapitel 2 der Yoga-Sūtras) erklärt Patañjali acht aufeinanderfolgende Stufen der Selbsterkenntnis als die acht Glieder des Yoga. Innerhalb dieses Systems wird Selbsterkenntnis durch die schrittweise Entwicklung der Unterscheidungsfähigkeit (viveka) erreicht, die zwischen der Welt und ihrem unveränderlichen ewigen Wahrnehmer differenzieren kann.
Da Patañjalis Yoga die acht (aṣṭāṅga) Glieder als Stufen der Erkenntnis betont, wird es oft als Ashtanga Yoga betrachtet. Die Tantras, die etwa 500–800 Jahre später entstanden, nahmen diese Lehren in ihren Korpus auf und entwickelten sie weiter zu dem, was wir heute als Hatha Yoga (Yoga der Kraft) kennen.
Was sind die acht Glieder des Yoga?
Die acht Glieder (aṣṭāṅga) sind Patañjalis Antwort auf die Frage, wie ein Mensch Schritt für Schritt zur Selbsterkenntnis gelangt: yama (Umgang mit anderen), niyama (Umgang mit sich selbst), āsana (Sitz/Haltung), prāṇāyāma (Atem), pratyāhāra (Rückzug der Sinne), dhāraṇā (Sammlung), dhyāna (Meditation) und samādhi (Versenkung).
Bemerkenswert ist dabei, wie wenig Raum die körperliche Haltung einnimmt: āsana ist nur eines von acht Gliedern, und Patañjali beschreibt es mit bemerkenswerter Kürze. Was heute im Westen als „Yoga" gilt, ist also gewissermaßen ein Achtel dessen, was er meinte. Wie diese acht Glieder in einer heutigen Praxis zusammenwirken, ist auch ein Schwerpunkt unserer Yogalehrer-Ausbildung.
Unwissenheit kann beseitigt werden, indem man eine ununterbrochene Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem Bewusstsein und der Welt kultiviert.
Pātañjala-Yoga-Śāstra (2:26)
Was sind die Upanishaden?
Die Upanishaden sind ein wesentlicher Teil der vedischen Tradition und werden oft als deren Abschluss bezeichnet – das Vedānta, wie die Philosophie der Upanishaden genannt wird. Es gibt 108 bedeutende Upanishaden, die den Kanon Muktikā, die Sammlung der Freiheit, bilden. Der Begriff Upaniṣad leitet sich vom Wort upadeśa ab, was „Lehrer" bedeutet und darauf hinweist, dass die Lehren darin lebendig und aktiv sind.
Die allererste Upanishad, die Yoga so benennt, wie wir es heute verwenden, war die Kaṭhopaniṣad, die etwa 300 v. Chr. geschrieben wurde. Wie die früheren Veden verwendet sie das Bild des Wagens als Darstellung der Person, die nach Befreiung strebt. In diesem Bild ist die Person, die im Wagen steht, das ātman, die Seele. Der buddhi oder Intellekt ist der Wagenlenker, und der Geist (mānas) wird durch die Zügel dargestellt. Dieser Geist kontrolliert die Sinne (indriya), welche die Pferde sind, und das Objekt der Sinne ist der Weg selbst, den sie nehmen.
Die Kaṭhopaniṣad erklärt, dass es eben das Yoga ist, das diesen Geist selbst zähmt, damit die Zügel im Sinne der Seele gehalten werden und der Weg richtig gefunden werden kann.
Warum kehrt das Bild des Wagens immer wieder?
Weil es die vielleicht klarste Beschreibung dessen ist, was Yoga tut. Wir sind ihm schon im allerersten Beitrag dieser Serie begegnet, wo das Wort yuj das Anjochen von Wagen und Pferden bezeichnete – und hier, Jahrhunderte später, taucht dasselbe Bild wieder auf, nun als vollständige Lehre.
Diese Wiederkehr ist kein Zufall. Das Bild hält fest, dass Yoga nichts unterdrückt, sondern lenkt. Die Pferde werden nicht getötet, die Sinne nicht abgeschafft. Sie bekommen eine Richtung. Genau darin unterscheidet sich der yogische Weg von der reinen Askese der Śramaṇas.
Durch diese ununterbrochene Praxis wird der Parichaya-Zustand erreicht. Vāyu erweckt durch unermüdliche Praxis zusammen mit der Kraft des Feuers die Kuṇḍalinī und tritt dann ohne Unterbrechung in den Suṣumnā ein. Wenn das Citta zusammen mit Prāṇa in den Suṣumnā fließen, erreicht das Bewusstsein den hohen Thron durch die Kraft des Prāṇas.
Yoga-Tattva Upanishad (81–83)
Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie zur Geschichte des Yoga. Im nächsten Beitrag geht die klassische Ära weiter – mit den Tantras (Āgamas) und der Verehrung des Göttlichen.
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