Was ist Real an den chakren?
Landkarte der Erfahrung
Die Chakren haben viele Zweifler. Und das aus gutem Grund, denn warum sollte man an bunte Räder im Körper glauben? Soweit ich weiß, hat noch keiner ein solches Rad beim Sezierkurs gefunden.
Allerdings liegt diesem Zugang ein großes Missverständnis zugrunde: Die Chakren sind kein physisches Organ und können auch nicht eindeutig irgendeiner Drüse zugeordnet werden, sondern sie sind eine Landkarte unserer inneren Erfahrung. Diese Erfahrung ist menschlich und real, real als Erfahrung, nicht real als Objekt.
Zugleich ist die strahlende Kraft des Chakras eine, die wir erwecken, wenn wir den Mut haben, in die inneren Landschaften einzutreten. Es ist damit keine fixe Realität, die außerhalb der Schritte existiert, die du selbst setzt.
Die Kraft der Meditation – bhāvana – bringt sie von der Schwelle des Nichtseins ins Leben.
Dennoch ist ihre Realität als Landkarte der Erfahrung unumstritten. Die Yogis, die oft ihr ganzes Leben in tiefer Versenkung verbracht hatten, erkannten, dass die Erfahrungen des individuellen Selbst nicht ohne jede innere Form erscheinen. Gefühle und auch Gedanken haben eine Struktur im Körper, gleich einer Geometrie der Erfahrung.
Die zentrale Achse dieser inneren Landkarte ist suṣumnā, die nāḍi, welcher von der Basis des Körpers bis über den Kopf verläuft. Sie ist der Spielplatz dieser inneren Erfahrung. Wenn man sich im täglichen Leben beobachtet, kann man erkennen, dass alle inneren Erfahrungen entlang der Vertikalität von suṣumnā erscheinen und dort wieder vergehen.
So ist unsere Liebe nicht im Ellbogen angesiedelt, sondern in unserem Herzen. Deine sexuelle Erregung ist nicht in deinem Ohr, sondern im Zentrum deines Beckens. Deine Angst ist in deinem Bauch, ebenso wie deine Stärke. Wenn du eine großartige Idee oder einen Geistesblitz hast, erscheint dieser als heller Gedanke oder Bild über deinem Kopf, jedoch nicht weit unten in der Erde.
Diese vertikale Orientierung deiner psychischen inneren Erfahrung – die uns Menschen allen gemeinsam ist – ist der Grund dafür, dass sich die Chakren entlang dieser Achse finden.
Die alten Tantriker wussten das und platzierten daher die Gottheiten in diesen besonderen Bereichen der Selbsterfahrung. Die dahinterliegende Logik war jene, dass wenn eine Kraft im Zentrum der Landschaft unseres Selbst platziert wird, das Selbst dann Teil dieser Kraft werden muss.
Wo sonst sollte die Gottheit verehrt werden als im Tempel des eigenen Selbst?
Die Dreifaltigkeit der Kraft
Die drei Kräfte
Das erste System der Chakren, in dem sie als bedeutungsvolle Zentren der Lebenskraft des Körpers beschrieben werden, stammt aus dem Taoismus und wird auch heute noch in Form der unteren, mittleren und höheren Dantien (tan t'ien – Meer des Qi) gelehrt.
Dieses Dantien ist in genau derselben Form auch im traditionellen Tantra bekannt. Das untere Dantien wird im Tantra kanda genannt und wird als an derselben Position befindlich und mit denselben Attributen im Taoismus beschrieben. Es befindet sich drei Finger breit unterhalb des Nabels, ist eiförmig und von strahlend goldener Farbe.
Die beiden höheren Zentren des mittleren und höheren Dantien entsprechen dem, was im Yoga anāhata und ājñā ist.
Diese Einteilung der Energie in das untere, das zentrale und das obere Zentrum ist die grundlegendste Realität der Chakren und der Struktur des Selbst.
Wir bewegen uns zwischen der magnetischen Kraft der Erde und der elektrischen Kraft des Himmels hin und her, unsere Mitte ist das Herz, der Sitz unseres eigentlichen Lebens.
Die Tantriker verwendeten eine Meditationstechnik, bei der Kuṇḍalinī in den drei wichtigen Zentren des Körpers erweckt wurde: im kanda als die feurige Ādhāra Kuṇḍalinī, im Herzen als das Licht der Wahrheit – madhya Kuṇḍalinī – und im Kopf als der göttliche Wille – Ūrdhva Kuṇḍalinī.
Kuṇḍalinī wird dann aus der Trinität dieser Zentren in die Mitte gelenkt, um dort mit der Seele zu verschmelzen – dem Zentrum des Seins.
DIE GROßE BEDEUTUNG DER CHAKREN
Heutzutage werden die Chakren typischerweise als Sitze unseres emotionalen Wohlbefindens sowie als Sitz übernatürlicher Kräfte gesehen. Kristalle, Farben, Klangschalen und Massagen sollen helfen, die verborgenen Kräfte in diesen Zentren zu erwecken und uns zurück zur Harmonie zu führen.
Neben all dem wurde jedoch der wichtigste Schatz vergessen, den die Chakren für uns bereithalten.
Das größte Geschenk der Chakren ist, dass sie in unserem Körper lokalisierte Tore darstellen, durch die wir in unsere Erfahrung eintreten können. Die Chakren zeichnen eine Landkarte der Erfahrung, und wie jede Landkarte dient auch diese zur Orientierung. Wir können nun die Orte finden, die wir suchen, anstatt im Nebel unserer Erfahrung herumzuirren.
Der Yogi kann durch diese Tore Zugang zu einer bestimmten Kraft, zu einer bestimmten Erfahrung des Selbst erlangen.
Zum Beispiel erwähnt die Śiva Saṃhitā (3:73), dass Meditation (z.B. dhāraṇā für zwei Stunden) über einem Chakra es dem Praktizierenden ermöglicht, die dort liegende Begrenzung zu überwinden und eine Kraft zu erwecken. Beispielsweise wird die Limitierung des Feuers durch Meditation über maṇipūra überwunden oder die Begrenzung des Elements Luft durch Meditation über anāhata.
Die aufeinanderfolgende Meditation (dhāraṇā) über alle Zentren ermöglicht es, den „Nektar der Unsterblichkeit“ zu trinken. Diese alten Techniken sind nur ein Bruchteil der Wege, Kräfte durch ihre Tore im Körper zu erwecken und das Potential der menschlichen Psychisch zu entfalten.
Der Körper ist ein Spiegel des Universums, also müssen alle Gottheiten und auch weltlichen Erfahrungen darin ein Zuhause finden. Der Körper ist eine weite Landschaft, voll von Tempeln, Ozeanen, Bergen und Wesen aller Art.
Die Erfahrungen des Selbst sind die Jahreszeiten dieser Landschaften und die seismischen Aktivitäten seiner Erde, das Wirbeln seiner Winde und das Strahlen seiner Gestirne. In den Tempeln dieser Landschaften trifft das Irdische auf das Göttliche und wenn du den Tempel dort im Innern betrittst, bist du wahrhaft zuhause.
In diesem menschlichen Körper wird der Berg Meru (die Wirbelsäule) von sieben Inseln umgeben; es gibt Flüsse, Meere, Berge, Felder und Herren der Felder. Es gibt darin Seher und Weise; auch alle Sterne und Planeten. Es gibt heilige Pilgerreisen, Schreine und präsidierende Gottheiten der Schreine. Sonne und Mond, die Mächte der Schöpfung und Zerstörung, bewegen sich ebenfalls darin. Äther, Luft, Wasser und Erde sind auch da.
Śiva Saṃhitā (3:1–3)
MODERNES VERSTÄNDNIS der Chakren
Als die Ṣaṭ-Cakra-Nirūpaṇa 1912 erstmals ins Englische übersetzt wurde, fand die Idee der psychischen Zentren im Körper großen Anklang bei Lesern und Praktizierenden seiner Zeit.
Die Theosophische Gesellschaft, geleitet von der Okkultistin Madame Blavatsky in Chennai, war von der Vision der Chakren sehr inspiriert und verband das Konzept mit der menschlichen Anatomie. Ihrer Meinung nach mussten die Chakren anatomische Gegenstücke haben, und da zu dieser Zeit das Drüsensystem neu entdeckt wurde, versuchte man, die Funktionen der Chakren mit denen der Drüsen zu erklären und auf diese Weise Zuordnungen zwischen beiden Systemen zu finden.
Später schrieb auch der Magier und Okkultist Aleister Crowley über Kundalini Yoga er wurde schnell zu einem Helden der New-Age-Bewegung. Die wichtigste Brücke in den Westen wurde jedoch über den bedeutenden Schweizer Psychologen Carl Jung geschlagen.
Er verbrachte drei Monate mit Reisen durch Indien, wo er nach dem Besuch eines Kali-Tempels eine Vision der Göttin hatte. Er war so fasziniert von der spirituellen Kraft Indiens, dass er 1932 Vorträge über Kundalini Yoga hielt. Aus diesen bahnbrechenden Vorträgen entstand sein berühmtes Buch "Die Psychologie des Kundalini Yoga".
Jung schlug viele Ideen vor, die später mit der New-Age-Bewegung verschmolzen und unser Verständnis der Chakren als Ausdruck einer individuellen psychologischen Evolution formten. Für Jung war die spirituelle Evolution, die sich symbolhaft in der Abfolge der Chakren zeigt, ein makrokosmischer Ausdruck der individuellen psychologischen Evolution des Menschen.
Dieses Verständnis der Chakren, das durch die Ṣaṭ-Cakra-Nirūpaṇa geformt und dann auch von Jung im Licht der modernen Psychologie neu interpretiert wurde, wird heute nicht nur im Westen als das wichtigste System der Chakren betrachtet, sondern auch in Indien selbst.
In jedem Fall ist das Chakrensystem sicherlich multidimensional, und viele Interpretationen können auf eine tiefere Wahrheit hinweisen. Insofern ist diese jungianische Psychologisierung der Chakren ebenso eine Offenbarung wie die Erkenntnis, dass sich die spirituelle Evolution des Kosmos im Individuum widerspiegelt.
Beide Visionen können unser Verständnis von uns selbst und dem Kosmos vertiefen.
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