DIE DREIFALTIGKEIT

Die Göttin, die dreifaltig ist, erschafft die dreifache Welt in einem winzigen Moment.

Oh Herr der Götter, die drei Götter, Brahmā, Viṣṇu und Rudra, und die drei heiligen Throne werden gemeinsam geschaffen, dort, wo die eine Herrin der Götter durch ihre dreifache Natur wohnt.

Dieses gesamte bewegliche und unbewegliche Universum wurde von ihr erschaffen. Sie bewirkt die Manifestation und die Auflösung aller Dinge, nur zum Vergnügen des Spiels des Seins. Sie erschafft das dreifache Universum, die unglaubliche Stadt des Dreiecks.

Manthāna Bhairava-Tantram (35:14cd-16-17)

schlangen trinity kundalini zeichnung

PARĀ, PARĀPARĀ UND APARĀ

Manifestation

In der yogischen Philosophie wird die Welt als eine Manifestation unveränderlicher und ewiger Prinzipien betrachtet. Diese universalen Prinzipien existieren in ihrer höchsten Form jenseits jeder Manifestation. Sobald sie in den Prozess der Manifestation eintreten, nehmen sie Form an und werden existent, doch beraubt dieser Prozess sie im selben Atemzug ihrer ewigen Natur.

Zum Beispiel werden Śiva und Śakti als die beiden Kräfte gesehen, die das Universum und seine Dreifaltigkeit hervorbringen. Sie sind Bewusstsein und seine schöpferische Kraft. Ihre Vereinigung schafft die Geburt aller Dinge.

Die Zweigeschlechtlichkeit des Lebens, wie Männer und Frauen, die durch das Wechselspiel ihrer Natur das Menschsein hervorbringen, ist Ausdruck dieser universalen Schöpfungskräfte. Diese Dualität finden wir auch im Spiel von Sonne und Mond, Tag und Nacht sowie Leben und Tod.

Das, was die eigentliche Essenz aller Wesen ist und selbst immer formlos bleibt, wird als parā bezeichnet, während das, was sich manifestiert als aparā gilt. Diese beiden Aspekte können als das Reine (parā) und das Unreine (aparā) verstanden werden.

Parā ist der Wille zum Sein (icchā śakti) und im Wesentlichen das Selbst.

Aparā hingegen ist die Kraft, die die manifestierte Welt schafft, die Kraft, die Ausdruck ermöglicht, und sie steht an der Quelle jeder Handlung (kriyā śakti).

Analog zu diesem Verständnis werden die unteren Chakren als aparā bezeichnet, denn sie sind jene Orte, an denen das Bewusstsein im Endlichen gebunden ist. Gleichzeitig sind es jene Orte, von denen ausgehend Handlung entspringt und über die Handlung Selbsterfahrung ermöglicht wird.

Die höheren Chakren werden als parā angesehen, da in ihnen das Bewusstsein wohnt, das dem Streben nach Selbsterkenntnis und Befreiung entspricht. Dazwischen liegt das Herz, die Göttin Parāparā, die als Brücke zwischen dem Höheren und dem Niederen dient und die Kraft der Erkenntnis (jñāna śakti) repräsentiert.

Jñāna ist jene Erkenntnis, die die wahre Natur der Dinge erfassen kann.
Dieser kosmische Tanz, der sich auch im Individuum widerspiegelt, ist das Zusammenspiel dieser drei grundlegenden Kräfte, die über das Individuum hinaus die gesamte Existenz hervorbringen.

Diese drei Kräfte sind auch die Dreifaltigkeit, die fast alle spirituellen Traditionen im Laufe der Jahrhunderte gesucht haben. Die christliche Tradition beispielsweise sieht die Welt als von dem Heiligen Geist, dem Vater und dem Sohn durchdrungen. Hier stellt der Heilige Geist die nicht manifestierte Quelle des Seins dar, der Vater ist das Gesetz und damit die Erkenntnis der Wahrheit, und der Sohn ist die Verkörperung, die Kraft der Handlung und in letzter Konsequenz die Erfahrung Gottes in Person.

Diese Dreifaltigkeit spiegelt sich auch in der Dreifaltigkeit von Brahmā, Viṣṇu und Śiva wider: Schöpfung, Erhaltung und unmanifestierte Zerstörung. Sie symbolisiert die Dreifaltigkeit hinter Wille, Wissen und Handlung oder Subjekt - parā, Objekt - aparā und Mittel zur Erkenntnis - parāparā.

Die Dreifaltigkeit des Bewusstseins

Das individuelle Selbst existiert auf der Ebene der aparā, da dort die Kräfte der Handlung und Selbstverwirklichung wirken. Das Individuum ist daher jener Aspekt unseres kosmischen Selbst, der von kriyā śakti, der Kraft der Handlung, erhalten wird. Auf dieser Ebene erscheint das Individuum selbst wiederum in einer dreifachen Natur.

Die Welt, ähnlich wie ein Hologramm, scheint das Größere im Kleineren zu spiegeln. Diese drei Komponenten der kriyā śakti sind grundlegende Aspekte der menschlichen Natur, aus denen heraus die individuelle Wahrnehmung und Gestaltung der Welt stattfindet – es sind drei Zustände des menschlichen Bewusstseins.

Diese drei Bewusstseinszustände, die die menschliche Erfahrung ausmachen, sind Wachen, Träumen und Tiefschlaf (jāgrat, svapna, suṣupta).

Das Zusammenspiel dieser grundlegenden Aspekte des Bewusstseins erschafft den alltäglichen Geisteszustand unseres Seins. Das gegenseitige Durchdringen dieser drei Zustände ist die Grundlage unseres menschlichen Selbst und unserer Handlungen. Der Bewusstseinszustand, der Einsicht in die tatsächliche Wahrheit dessen, „was ist“, ermöglicht, ist ein weiterer, vierter Zustand des Bewusstseins.

Dieser vierte Zustand wird turya genannt. In diesem Zustand steigt das Bewusstsein von den unteren drei Chakren zum Herzen hinauf und kann dort mit dem, was tatsächlich ist, in Kontakt treten. Turya, im Gegensatz zu den anderen drei Bewusstseinszuständen, ist daher die Brücke in die Realität und zugleich der meditative Zustand des Geistes.

die Dreifaltigkeit der Göttin

KRIYĀ ODER APARĀ ŚAKTI

Ich verneige mich vor der Göttin (Aparā), die im Körper von Bhairavas tanzender Form wohnt und in ihm spielt wie ein Blitz vor einem Himmel, der mit dichten Sturmwolken bedeckt ist.

Tantrāloka (Dr. Mark S. G. Dyczkowski)

Wenn wir die unteren drei Chakren betrachten, erkennen wir, dass sie gemeinsam die Kräfte des Handelns umfassen: Körper, Vitalität und Geist.

Diese Kräfte des Handelns werden von den drei Bewusstseinszuständen regiert, die das menschliche Leben umfassen.

Suṣupti

Mūlādhāra, das erste und unterste Chakra enthält jenen Aspekt der Kraft des Handelns, der das völlige Eintauchen und Verschmelzen mit dem physischen Körper ist.

Dieser Zustand entspricht dem Tiefschlaf des Bewusstseins - Suṣupti. So wie der Körper selbst als unbewusste Materie erscheint, die jedoch von Sein durchdrungen ist, so verschmilzt im Tiefschlafzustand das bewusste Sein vollständig mit der unbewussten Materie. Hier findet Verkörperung statt, und auf diese Weise wird die Grundlage für jede Handlung geschaffen.

Svapna

Das zweite Chakra birgt die Kraft des Traumzustandes -Svapna, in dem das Selbst in Form von Wünschen und Träumen existiert. Im Traumzustand klammert sich das Selbst an das Angenehme und flieht vor dem Schmerzhaften. In diesem Zustand fehlt es dem Selbst an bewusstem, gezieltem Willen oder Kontrolle über die eigenen Handlungen.

Und dennoch, in diesen Träumen liegt der Schatz unserer kreativen Impulse verborgen; hier wird die Welt und ihr Tanz ins Dasein geträumt. Svādhiṣṭhāna ist der Sitz des Körpers des prāṇā, von dem das Leben hervorquillt und die Welt befruchtet.

Jāgrat

Der dritte Aspekt der kriyā śakti ist das maṇipūra Chakra, das von den Sturmwolken der eigenen Gedanken verdeckt ist – es ist der Sitz des Geistes. Maṇipūra repräsentiert den erwachten Zustand des Selbst - Jāgrat.

Hier formt das Individuum Ideen über sich selbst, die Zukunft und die Vergangenheit und schafft seine Identität. Dieses Chakra ist daher der Sitz der Persönlichkeit, da über die Bilder des Verstandes eine Identität geformt werden kann. Es ist aber auch jener Ort, an dem die Ziele für unser spirituelles Wachstum geformt und gesetzt werden können.

Turya

Wenn diese drei Chakren und ihre Kräfte erweckt sind, können sie sich im meditativen Zustand vereinen, und das Selbst mit all seinen Leidenschaften kann ins Herz geführt werden.

Wenn das Herz in der Stille der Kontemplation erreicht wird, kann Kuṇḍalinī in Form des Blitzes erweckt werden, und der Pfad zum Himmel ist frei.

apara shakti kriya shakti

JÑĀNA ODER PARĀPARĀ ŚAKTI

Möge Parāparā, die pulsierende, strahlende Spitze des Wissens, die die dreifache Fessel mit ihren lodernden Strahlen des Lichts verbrannt hat, die Macht haben, alles, was der Wahrheit zuwiderläuft, zu entwurzeln.

Tantrāloka (Dr. Mark S. G. Dyczkowski)

Das Herz ist der Sitz der Parāparā Śakti, jener Kraft, die zwischen dem höchsten parā und dem endlichen aparā vermittelt, ähnlich wie die Seele, die zwischen dem Irdischen und Göttlichen steht und beide durch die Entscheidungen des Herzens in Einklang bringt.

Parāparā verkörpert die Macht der Einsicht, jñāna śakti.

Diese Kraft besitzt den Schlüssel, um zwischen Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden. Auf diese Weise verbrennt Parāparā die Illusionen, die der Geist erschafft.

Parāparā ist das Wissen jenseits des Konzeptionellen. Woher wissen wir, was gut oder wahr ist? Wir wissen es, weil das Herz es erkennt und uns den Weg weist, selbst wenn es dafür keine Worte gibt.

jnana shakti parapara

ICCHĀ ODER PARĀ ŚAKTI

Ich verneige mich vor Parā, der kreativen Intuition des Bewusstseins. Vereint mit Bhairava, hat sie ihren Platz auf den Spitzen der Lotusse des Trika-Dreizacks, dessen Zinken die Aspekte der Wahrnehmung, Subjekt, Objekt und Mittel des Wissens sind.

Tantrāloka (Dr. Mark S. G. Dyczkowski)

Wenn das Herz die dreifache Fessel der Illusion verbrannt hat, betritt man die Welt, die von der großen Kraft der icchā śakti regiert wird. Dieser Eintritt wird als der meditative Zustand des Geistes verstanden, in dem sich der Himmel zum „Was ist“ öffnet und das Geheimnis des Daseins offenbart wird.

Man sagt, die höheren Chakren spiegeln in ihrer Aktivität die Funktionen der unteren Chakren wider. In diesem Sinne wird auch icchā śakti, ebenso wie kriyā śakti, in drei Aspekte unterteilt. Jedes der oberen drei Zentren spiegelt dann einen transformierten und ewigen Aspekt eines der unteren drei Chakren wider.

Viśuddha Chakra

Der im maṇipūra innewohnende Geist strebt nach Dominanz, nach dem Sieg über Widerstände, und damit nach Macht über die Welt.

Im Gegensatz dazu bedeutet das fünfte Chakra, Viśuddha, Macht über die Welt durch Macht über sich selbst zu erlangen. Letztlich gibt es nur einen wahren Gegner, der im Innern liegt, und kein äußerer Sieg kann uns Macht über diesen inneren Gegner verleihen.

Viśuddha steht für Fülle, Vollendung, Stärke und Gelassenheit des eigenen Seins. Es ist der erste Aspekt der icchā śakti, die Energie der Transformation des maṇipūra. Viśuddha ist der kosmische Nektar, oft als Tropfen symbolisiert, der erlebt wird, wenn der Geist die Schönheit der Realität vollständig und jenseits aller Angst annimmt.

Ist es nicht oft so, dass der Geist uns den Genuss der Welt gerade wegen ihrer Schönheit verwehrt? Je schöner etwas ist, desto größer ist die Angst, es zu verlieren.

Nur ein transformierter Geist kann diese Schönheit jenseits aller Grenzen ertragen. Dieser transformierte Geist ist Mahā Kālī, das große und ewige kosmische Feuer.

ājñā Chakra

Svādhiṣṭhāna Chakra ist der Sitz des Schöpferischen Triebs, sowie der Anhaftung an Vergnügen und der gleichzeitigen Aversion gegenüber Schmerz. Die reine Form dieses Schöpfungsimpulses muss daher ewige Schöpfung und grenzenlose Freude sein. Diese Qualitäten der Ekstase werden im ājñā Chakra verkörpert, dem Punkt, an dem sich die zwei Flüsse des Lebens treffen, die die Kräfte der kosmischen Schöpfung symbolisieren.

Der zweite Aspekt der icchā śakti ist somit ājñā, das transformierte ewige Wasser. Diese Kraft wird von der Göttin Mahā Lakṣmī symbolisiert, die höchste und niemals endende Fülle.

Sahasrāra Chakra

Sahasrāra ist der letzte Aspekt von icchā śakti. Es ist der Sitz der formlosen und zeitlosen Existenz, die, weil sie keine Form hat, auch kein Ende kennt und damit unsterblich ist.

Dieses Chakra ist der transformierte Zustand von mūlādhāra, welches die begrenzte Existenz in Form darstellt, die, weil sie in Form und Zeit gebunden ist, sterblich und veränderlich ist.

Ist nicht samādhi, der Zustand, den die Weisen des Orients als den vollständig erwachten Zustand von sahasrāra bezeichnen, im Wesentlichen die Stille des Tiefschlafs, jedoch im vollständigen Erwachen?

Bedeutet das nicht, dass das Leben aus dem Bewusstsein des mūlādhāra dem samādhi ähnelt, jedoch ohne Einsicht in seine ungebundene Schönheit?

Vielleicht durchlaufen wir unser Leben nur, um mit neuen Augen zum zum Beginn der Reise zurückzukehren und schließlich das eigentliche Wesen der alten Orte neu zu erkennen.

 

iccha shakti para

DIE TRANSFORMATION

Wenn wir das oben genannte in Betracht ziehen, dann ist der Zweck des Kuṇḍalinī Yoga, die Energien der unteren Chakren, die von aparā regiert werden, zu aktivieren und sie in ihre höheren Formen, parā, zu transformieren.

Dieser Transformationsprozess geschieht auf natürliche Weise, wenn das Herz als Tor vom Immanenten zum Transzendenten erkannt wird und man auf diese Weise aus dem Herzen praktiziert.

Wenn Geist und Körper durch die Kraft der Yoga-Praxis gereinigt werden, können die Qualitäten der höheren Chakren entfaltet werden. Alle grundlegenden Praktiken des Hatha Yoga wie auch āsana, prāṇāyāma und dhāraṇā basieren im Wesentlichen auf diesem Prinzip.

Āsana, Prāṇāyāma, Dhāraṇā

Die Praxis des āsana konzentriert sich auf die Transformation des mūlādhāra Chakras und den darin liegenden Tiefschlafzustand des Bewusstseins. Durch āsana wird der Körper gereinigt, was gleichzeitig Freiheit von körperlichen Begrenzungen ermöglicht.

Prāṇāyāma reinigt das svādhiṣṭhāna Chakra, den Traumzustand des Bewusstseins, und befähigt den Yogi, frei von Krankheit und destruktiven Leidenschaften zu sein.

Dhāraṇā reinigt das maṇipūra Chakra, den Wachzustand des Geistes, und führt durch die Klärung der Gedanken zu dessen Beherrschung.

Swami-ji sagte mir einmal:

Die höheren Chakren, Parā, sind wie der Gipfel eines Berges, gefroren im Eis. Wenn das Feuer der unteren Zentren stark brennt, weil sie gereinigt sind, kann das Eis schmelzen und deren Erwachen kann eintreten.

Svāmī-jī Vidyānand

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